Editorial: Das Festival der Festivals

Stummfilmfestival_1366x768

Das Filmpodium ist eigentlich ein ganzjähriges Filmfestival: Filme aus aller Welt werden, zu Reihen und Retrospektiven gebündelt, ins Programm gesetzt, Filmschaffende kommen zu Besuch, es gibt ergänzende Diskussionen und Referate. Dennoch herrscht auch bei uns Ausnahmezustand, wenn «richtige» Festivals stattfinden. So bescherte im September das bei uns eingemietete Zurich Film Festival dem Filmpodium eine Portion Glamour sowie ein deutlich jüngeres Publikum als üblich.

Im November dann sorgte das 3rd Arab Film Festival Zurich für eine ganz eigene Stimmung, denn sowohl das Programm als auch die Film-Gäste und das Publikum waren von den aktuellen Verwerfungen in der arabischen Welt geprägt. Die arabischen Filmschaffenden, die nach Zürich kommen konnten (was oft komplizierte Visa-Gesuche und eine Odyssee durch mehrere Länder bedeutete), genossen die paar Tage Auszeit und die Gelegenheit, sich untereinander und mit dem Publikum auszutauschen. Der Iraker Raad Mushatat und der Syrer Mohamad Abdulaziz erzählten, wenn sie am Morgen ihr Haus verliessen, wüssten sie nie, ob sie am Abend wieder heil zurückkehren würden; Dreharbeiten unter solchen Umständen sind ein Tanz am Abgrund. Abdulaziz bewegt sich zudem auf einem politischen Minenfeld, will er trotz staatlicher Zensur Filme machen, die der Realität in Syrien gerecht werden. Die jemenitische Filmemacherin Khadija Al-Salami wiederum war nur in Zürich, weil sie wegen der kriegsbedingten Schliessung des Flughafens von Sanaa nicht hatte in ihre Heimat reisen können, um dort ein neues Projekt anzupacken. Bevor er a cappella ein selbstkomponiertes Lied vortrug, erklärte der junge syrischstämmige Schauspieler Fadi Rifaai, sein Film From A to B nutze bewusst das Comedy-Genre des Roadtrip-Movie, um ein internationales Publikum für heikle Themen des Nahen Ostens zu gewinnen. Ob der 87-jährige Algerier Mohammed Lakhdar-Hamina seinen Wunsch, noch einen richtigen Western zu drehen, verwirklichen kann, wird sich weisen.

Das Publikum des 3rd Arab Film Festival Zurich war beeindruckt von den Gästen und staunte immer wieder über die Kühnheit, aber auch über die Zugänglichkeit und den hohen Unterhaltungswert ihrer Filme. Die präsentierten Werke ebenso wie das Festival als Ganzes erreichten das gesetzte Ziel, nämlich den Araberinnen und Arabern, die wir in den Medien vornehmlich als kollektive Opfer und Täter von Konflikten antreffen, ein individuelles, menschliches Gesicht zu verleihen.

PS: Das nächste Festival folgt sogleich und gilt dem Stummfilm.

Ein Editorial von Michel Bodmer

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert