Editorial: Wilder Sommer

Some Like It Hot (Billy Wilder, USA 1959)

Billy Wilders Karriere begann in Deutschlands Stummfilmära, führte ihn nach der Machtübernahme der Nazis nach Paris und schliesslich nach Hollywood. Er war einer der zahlreichen deutschen und österreichischen Filmschaffenden, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch wieder nach Deutschland zurückkehrten oder zumindest -blickten. Mit 32 Titeln ist die Wilder-Retrospektive, die das Filmpodium diesen Sommer zeigt, umfangreich, aber immer noch nicht ganz adäquat. Dass The Emperor Waltz fehlt, in dem Bing Crosby sich als amerikanischer Grammophon-Vertreter durch die Tiroler Alpen jodelt, ist zu verschmerzen. Es gäbe aber noch viele weitere Frühwerke, bei denen Wilder als Koautor mitgewirkt hat, darunter die pfiffige Kästner-Adaption Emil und die Detektive und die Dreieckskomödie Ein blonder Traum, die wir beide unlängst gezeigt haben, sowie Der Teufelsreporter, den Drehbucherstling des ehemaligen Journalisten Wilder, die muntere Filmoperette Ihre Hoheit befiehlt und das teilweise in der U-Bahn angesiedelte Musical Das Blaue vom Himmel; auf diese kommen wir vielleicht ein andermal zurück.

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Editorial: Beiboot ahoi!

Ein Kino kann man unterschiedlich programmieren. Kommerzielle Premierenkinos sind stark von den Verleihern abhängig, die die Kinostarts immer häufiger weltweit koordinieren, um der Piraterie vorzubeugen und das Medienecho besser zu steuern. Allzu viele Filme werden breit lanciert und verdrängen allzu schnell andere aus den Sälen. «Sleepers», wie man einst jene Filme nannte, die ihr Publikum nur langsam fanden, dann aber endlos im Kino liefen, sind heute undenkbar. Bei solchen Spätzündern kann man nur hoffen, dass sie online Erfolg haben, ehe sie ganz von der Bildfläche verschwinden.

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EDITORIAL: ABOS À LA CARTE

Das Publikum des Filmpodiums besteht zu einem ansehnlichen Teil aus Stammgästen, die seit Jahren wissen, dass es diese städtische Kulturinstitution gibt und was da veranstaltet wird. Sie sind in aller Regel alt genug, um das Kino dem PC, dem iPhone und der guten Stube als Abspielstätte für Filme vorzuziehen, und sie nehmen sich Zeit, um anderes als nur das Neueste und Lauteste zu sehen. Sie schätzen die kuratierte Auswahl von Klassikern der Filmgeschichte und die Präsentation von Trouvaillen abseits des Kanons. Zumeist haben diese Cinephilen ein General- oder ein Halbtax-Abo fürs Filmpodium; nicht wenige sind auch Mitglieder unseres Fördervereins Lumière.

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EDITORIAL: Fussball und Sommer zum Trotz

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Es ist ja nicht so, dass Eintrittszahlen unser höchstes Gut oder unser einziges Erfolgskriterium wären. Helles Kindergelächter an einer Stummfilm-Vorführung für Familien, angeregte Diskussionen mit Filmschaffenden am 4th Arab Film Festival oder begeisterte Rückmeldungen von einzelnen Kinogästen zu wiedergesehenen und neu entdeckten Filmjuwelen sind für uns als Kuratorinnen und Kuratoren eine mindestens so willkommene Bestätigung. Dennoch sind Eintrittszahlen für das Kino im Allgemeinen und für das unsere im Besonderen auch ein Gradmesser für die im Digitalzeitalter nicht mehr garantierte Attraktivität dieses Mediums und unseres Programms. Als öffentliche, von Steuergeldern getragene Institution muss das Filmpodium die Verwendung dieser Gelder rechtfertigen, indem es für sein Service-public-Angebot ein Publikum findet. Es freut uns darum sehr, dass wir unsere Eintrittszahlen im dritten Jahr nacheinander halten konnten, umso mehr als die «gewerbliche» Kinobranche in der Schweiz schmerzhafte Einbussen verzeichnet. “EDITORIAL: Fussball und Sommer zum Trotz” weiterlesen

Editorial: Das andere «digitale Dilemma»

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Am 1. November fand im Filmpodium ein Anlass zum 70-jährigen Bestehen der Cinémathèque suisse statt. Deren Direktor, Frédéric Maire, gab dabei Auskunft, wie sein Archiv mit dem sogenannten «digital dilemma» umgeht: Was die Restaurierung und Verbreitung des Filmerbes angeht, ist die Digitalisierung hilfreich (auch wenn manche Cinephile an der analogen Vorführung hängen). Für die Konservierung von Filmen jedoch ist die Digitalisierung mangels verbindlicher Standards und dauerhafter Technologien weniger geeignet als unverwüstliche Polyesterkopien.

Die an sich begreifliche Entscheidung der Cinémathèque, alte und seltene Filmkopien als schützenswerte Artefakte zu betrachten und sie fortan nicht mehr zu verleihen, um sie im Hinblick auf eine allfällige Digitalisierung zu schonen, stürzt allerdings Kinos wie das Filmpodium in ein anderes Dilemma: Die analoge Kopie ist nicht mehr verfügbar (von den 57 Lang- und Kurzfilmen im aktuellen Programm stammen gerade mal zwei 35-mm-Kopien aus der Cinémathèque) und eine brauchbare digitale Version meist noch nicht erhältlich. Manche Rechteinhaber untersagen zudem die Projektion von Blurays, selbst wenn diese (oft restaurierten) Versionen qualitativ besser sind als die greifbaren analogen Kopien. “Editorial: Das andere «digitale Dilemma»” weiterlesen

Editorial: Entdeckungen ermöglichen

Arab

Vor wenigen Wochen ist das Zurich Film Festival (ZFF) zu Ende gegangen und hat in seiner 14. Ausgabe bei den Eintritten erstmals die 100000er-Marke überschritten. Von vielen als «Cüpli-Anlass» belächelt, setzt das Festival mit seinen Gala-Vorpremieren zwar nach wie vor auf Glamour, der in den Masters und Talks auch ins Filmpodium überschwappt. Im Wettbewerb und in den Nebensektionen jedoch lassen sich viele Besucherinnen und Besucher, vom Festivalfieber infiziert, auf Filme ein, von denen sie noch nie gehört haben, deren Regisseure sie nicht kennen und die sie sich im regulären Kinoprogramm kaum angesehen hätten. Das ZFF leistet damit im grossen Massstab, was auch das Filmpodium mit dem 4th Arab Film Festival beabsichtigt: dem Film ein Fest auszurichten und dem Publikum Entdeckungen und prägende Erlebnisse zu ermöglichen.

Beim Arab Film Festival ist es spezifisch die arabische Welt, deren aktuelles Filmschaffen wir den Zuschauerinnen und Zuschauern näherbringen wollen, seien dies neugierige Filminteressierte oder Menschen aus dieser Weltregion, die eine Verbindung zur Kultur ihrer Heimat aufrechterhalten möchten. Wir freuen uns nicht nur auf die Filme, sondern auch auf die zahlreichen Gäste – Schauspielerinnen und Schauspieler, Film-, Medien- und Festivalschaffende –, die in Gesprächsrunden Auskunft über und Einblick in ihre Arbeit geben werden. Diese exklusiven Festivalangebote sind nur möglich dank des Engagements des Vereins International Arab Film Festival Zurich (IAFFZ), mit dem wir bereits zum vierten Mal zusammenarbeiten. “Editorial: Entdeckungen ermöglichen” weiterlesen

Editorial: Schwarze Zahlen, schwarze Listen

Dia_Black ListWir haben es zwar schon in einem Newsletter von den Dächern gepfiffen, aber gute Nachrichten darf man auch mehr als einmal vermelden. Immer wieder war in den letzten Wochen in den Medien von der Krise des Kinos die Rede – in der Schweiz betrug der Publikumseinbruch im ersten Halbjahr 2018 gegenüber der Vorjahresperiode 18 Prozent, und Ende Juni hatte der endlose Sommer erst begonnen. Umso mehr freut uns, dass das Filmpodium mit seinem vor allem auf die Filmgeschichte ausgerichteten Programm auch in dieser schwierigen Zeit sein Publikum findet. Die Eintrittszahlen pro Vorstellung der Jahre 2016 und 2017 konnten im ersten Halbjahr 2018 gehalten werden – trotz Fussball-WM und strahlenden Badewetters. Auf besonderes Publikumsinteresse stiessen dabei das Stummfilmfestival und die Reihen zu Jeanne Moreau und Claudia Cardinale. Im Sommerprogramm setzte sich der Trend mit Maggie Smith und Ingmar Bergman fort. Auch einzelne Beiträge der Locarno-Retrospektive zu Leo McCarey fanden grossen Zuspruch.

Wir möchten unseren Stammgästen ebenso wie denjenigen, die unser Kino erst vor Kurzem entdeckt haben, ganz herzlich für ihre Treue und ihr anhaltendes Interesse an unserem Programm danken. “Editorial: Schwarze Zahlen, schwarze Listen” weiterlesen

Editorial: La connexion française

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In unserem Mai/Juni-Programm kämpfen zwei gegensätzliche Filmschaffende um die Gunst des Publikums: Agnès Varda vs. William Friedkin. Der Kontrast könnte grösser kaum sein: In dieser Ecke die zierlich-feinsinnige Belgierin mit dem Topfhaarschnitt, die zu den Wegbereiterinnen des französischen Autorenfilms zählt; ihr gegenüber der sechs Fuss grosse, sonnenbebrillte Hollywood-Actionfilmer, der Film als kollaborative Kunstform auffasst und die Auteur-Theorie als «Bockmist» betitelt. Auf den ersten Blick also eine Paarung, die nicht nur unterschiedliche Segmente unseres Publikums anspricht, sondern geradezu unvereinbar scheint. “Editorial: La connexion française” weiterlesen

Editorial: Man muss die Gäste feiern…

Dia_Cardinale_1920x1080pxDem 1986 vom Stimmvolk erteilten Auftrag gemäss ist das Filmpodium ein Ort der Unterhaltung, der Begegnungen und der Entdeckungen, der «dem Publikum ermöglicht, seine Lieblingsfilme (…) auf der Leinwand statt auf dem Bildschirm wiederzusehen, Filmschaffende, Künstler und Produzenten zu treffen». Es ist uns denn auch ein grosses Anliegen, über das blosse Vorführen von Filmen hinaus Veranstaltungen zu organisieren, die persönliche Begegnungen mit Gästen erlauben. Der Zugang zu Filmen ist heute dank Internet ja leichter denn je. Aber leibhaftige Menschen zu treffen, die sich mit dem Kino beschäftigen, ist ein Mehrwert, den nur ein Ort wie das Filmpodium bieten kann. “Editorial: Man muss die Gäste feiern…” weiterlesen

Editorial: Kurve gekriegt

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Für 2016 mussten wir einen markanten Rückgang der Eintritte vermelden (von durchschnittlich 39 auf 34 Gäste pro Vorstellung); dagegen präsentiert sich das Jahr 2017 erfreulicherweise als praktisch stabil: Insgesamt 31’887 Personen besuchten das Filmpodium, das sind nur 285 weniger als im Vorjahr und damit weiterhin 34 pro Vorstellung.

Natürlich würden wir uns über (wieder) höhere Eintrittszahlen freuen; dennoch ist «stabil» inzwischen keine Selbstverständlichkeit. Von ein paar Publikumsrennern abgesehen, laufen nämlich in den gewerblichen Arthouse-Kinos viele Filme oft mit deutlich weniger als 20 Gästen pro Vorstellung. Das hat diverse Gründe: Der individuelle Filmkonsum hat weiter zugenommen, ebenso das Angebot; manche Filme werden nur noch online gezeigt und auch Serien ziehen Filmfans in ihren Bann. Trotzdem kommen immer mehr Filme neu ins Kino (2016: 499; 2017: 531). In Zürich ist die Zahl der Leinwände nochmals angestiegen und immer neue Filmfestivals buhlen um Aufmerksamkeit. Das alles verstärkt die Aufsplitterung des Publikums und macht es für uns noch anspruchsvoller, Interessierte für unser Programm zu gewinnen. “Editorial: Kurve gekriegt” weiterlesen