Editorial: Das andere «digitale Dilemma»

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Am 1. November fand im Filmpodium ein Anlass zum 70-jährigen Bestehen der Cinémathèque suisse statt. Deren Direktor, Frédéric Maire, gab dabei Auskunft, wie sein Archiv mit dem sogenannten «digital dilemma» umgeht: Was die Restaurierung und Verbreitung des Filmerbes angeht, ist die Digitalisierung hilfreich (auch wenn manche Cinephile an der analogen Vorführung hängen). Für die Konservierung von Filmen jedoch ist die Digitalisierung mangels verbindlicher Standards und dauerhafter Technologien weniger geeignet als unverwüstliche Polyesterkopien.

Die an sich begreifliche Entscheidung der Cinémathèque, alte und seltene Filmkopien als schützenswerte Artefakte zu betrachten und sie fortan nicht mehr zu verleihen, um sie im Hinblick auf eine allfällige Digitalisierung zu schonen, stürzt allerdings Kinos wie das Filmpodium in ein anderes Dilemma: Die analoge Kopie ist nicht mehr verfügbar (von den 57 Lang- und Kurzfilmen im aktuellen Programm stammen gerade mal zwei 35-mm-Kopien aus der Cinémathèque) und eine brauchbare digitale Version meist noch nicht erhältlich. Manche Rechteinhaber untersagen zudem die Projektion von Blurays, selbst wenn diese (oft restaurierten) Versionen qualitativ besser sind als die greifbaren analogen Kopien.

Ob analog oder digital, die Kopien, die wir beschaffen können und manchmal mit viel Aufwand von ausländischen Archiven kommen lassen, sind in der Regel nicht deutsch untertitelt. Die Vorführung dieser Filme stellt deshalb für einen Teil des Publikums eine sprachliche Herausforderung dar, was sich etwa bei der neulich gezeigten Blacklist-Reihe spürbar in den Eintrittszahlen niederschlug. Auch von den Edward-G.-Robinson-Filmen in diesem Programm stammen die meisten (analogen) Kopien aus britischen Quellen und haben keine Untertitel.

Dass wir im Interesse des Originalwerks auf die Vorführung von Synchronfassungen verzichten, versteht sich. Als Kuratoren können wir die Auswahl der Filme aber auch nicht nur davon abhängig machen, ob diese in untertitelter Form verfügbar sind. Die Vielseitigkeit eines Schauspielers wie Edward G. Robinson liesse sich nicht würdigen, wenn nur Filme gezeigt würden, die mit deutschen Untertiteln ausgestattet sind. Deutsche Untertitel selbst bereit- oder herzustellen, dafür reichen unsere Ressourcen nur im Ausnahmefall. Wir hoffen daher auf Ihr Verständnis – auch des Englischen.

Michel Bodmer

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