Editorial: The Winter of Our Dis-content

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Am 8. Februar findet im Filmpodium eine Buchvernissage statt: Präsentiert wird die neue Ausgabe des CINEMA-Filmjahrbuchs, die Artikel und Essays zum Thema «Zukunft» enthält.

Eine mögliche Zukunft des Kinos ist ja: keine. Mehr und mehr verlagert sich der Filmkonsum weg von Kino, DVD/Blu-ray und Fernsehen ins Internet. Digital Natives raffen sich nur selten auf und pilgern in einen Lichtspielsaal, um einen Film auf der Leinwand zu sehen, erst recht nicht zu vorgegebenen Zeiten und bei winterlichen Temperaturen. Zu Hause auf der Couch kann man ja den Content (bzw. filmische Inhalte) runterladen, wanns einem passt.

Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und geschaut, welche Filme aus dem aktuellen Programm im deutschen Raum bzw. in der Schweiz (legal) online verfügbar sind. Dazu haben wir einen Service verwendet, der einen Überblick über 24 deutsche Plattformen gibt – darunter Branchenriesen wie iTunes, Amazon, Netflix und Google Play, aber auch speziellere Anbieter wie Mubi und realeyz –, und noch ein paar Schweizer Plattformen abgegrast.

Von den Werken in unserem Stummfilm-Festival ist gerade mal eines im Netz (aber Live-Musik dazu gibts nur bei uns im Saal). Von den 17 Titeln unserer Hommage an Jeanne Moreau findet man vier, von Eliseo Subiela ist derzeit kein einziger Film online verfügbar (aber da wird trigon-film mittelfristig mehrere auf seiner eigenen Plattform aufschalten). Will sagen: Wer unseren Content zu Hause streamen will, dem blüht frei nach Richard III. ein «Winter des Missvergnügens».

Mit dem neuen Jahr beginnt eine weitere Tranche unserer Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films»: Diesmal stehen die Meilensteine der Jahrgänge 1918, 1928 usw. bis 1998 auf dem Programm. Wir haben die Filme dieser Reihe bereits fürs ganze Jahr ausgewählt, und von den rund 42 Meisterwerken aus der Tonfilmzeit (ab 1938) sind immerhin 20 online zu finden, eines davon allerdings nur bei der Verleihplattform von trigon. Um die übrigen 22 sowie die 16 Jahrhundertfilme aus der Stummfilmzeit zu sehen, muss man sich wohl oder übel zu uns schleppen, denn das Internet ist genauso Hollywood-lastig wie das kommerzielle Kino und das Fernsehangebot: Independentfilme und Werke von ausserhalb der USA sind online Mangelware. Selbst Filmstudierende (die bei uns für die Jahrhundertreihe ein neues Spezialabo zum Vorzugspreis beziehen können, wie übrigens alle in Ausbildung) haben also gute Gründe, das Filmpodium aufzusuchen und zu entdecken, was unser treues Stammpublikum längst weiss: Grosses Kino gibts nur im Kino.

Michel Bodmer

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