Bond ohne Bond

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1993, kurz nach dem Ende des Kalten Krieges, der sein bisheriges Werk genährt und geprägt hatte, veröffentlichte John Le Carré The Night Manager, einen Roman, der bewies, dass ihm nach dem Mauerfall keineswegs der Stoff ausgehen würde. Als Bösewicht fungierte diesmal nicht ein KGB-Scherge oder ein von den Sowjets gedungener britischer Spion, sondern ein Brite namens Roper, der skrupellos im illegalen Waffenhandel mitmischte. Sein Gegenspieler war ein Landsmann namens Jonathan Pine – kein Agent ihrer Majestät, aber doch ein strammer Kerl mit militärischer Vergangenheit und einem starken moralischen Rückgrat.

Als Nachtmanager eines Kairoer Nobelhotels begegnet Pine der schönen Sophie, der Geliebten eines ägyptischen Herrensöhnchens namens Freddie Hamid. Sophie, die sich als Gefangene Hamids fühlt, sucht Pines Nähe und spielt ihm Dokumente über illegale Waffenlieferungen zu, an denen auch Roper beteiligt ist. Als Pine auf Sophies Drängen hin die britische Botschaft informiert, hat dies für Sophie fatale Folgen. Ein halbes Jahr später arbeitet Pine in einem Schweizer Hotel, und ausgerechnet dort steigt Roper mit seiner Entourage ab. Pine beschließt, Roper für seine Mitschuld an Sophies Schicksal zu bestrafen, indem er Informationen über den Waffenhändler erschleicht und diese an den britischen Nachrichtendienst leitet. Diesmal erreicht er das richtige Büro, und schon bald wird er für eine Undercover-Operation gegen Roper angeheuert.

Diese Story hat David Farr für die sechsteilige BBC-Adaption von The Night Manager in die Gegenwart geholt (die Waffenlieferungen gehen nun nicht mehr an kolumbianische Drogenbosse, sondern an arabische Despoten, die Rebellen auslöschen wollen; Pine hat im zweiten Golfkrieg, nicht in Nordirland Dienst geleistet). Manchen Figuren wurde ein anderes Geschlecht oder ein anderer ethnischer Hintergrund verpasst. Doch obwohl manche Szenen in muffigen Londoner Büros einer nachrichtendienstlichen Nebenstelle spielen, ähnelt der Rest der von der dänischen Cineastin Susanne Bier inszenierten Verfilmung klassischen Spionageabenteuern, wie sie Le Carré traditionell eher belächelte: exotische Schauplätze, ein Bösewicht mit einem spektakulären Hauptquartier und unbegrenzten Ressourcen, ein eleganter Held, der jede Frau ins Bett kriegt, auch die Gespielin seines Widersachers – da grüßt James Bond, und zwar nicht von ferne. Spannung und Action gehen über die sonst eher intellektuellen Gefechte in Le-Carré-Stories hinaus; statt der üblichen moralischen Grautöne werden Gut und Böse hier doch recht schwarzweiß gezeichnet, und der Plot gemahnt auch mehr an 007-Eskapaden denn an die gut recherchierten, realitätsnahen Dramen, für die der Romancier sonst bekannt ist.

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Herausragend freilich ist die Besetzung, allen voran das Protagonisten-Duo Hugh Laurie und Tom Hiddleston – beide sehr britisch und lang im Gesicht, aber doch sehr unterschiedlich. Lauries glubschäugiger Schalk blitzt immer wieder auf, aber er vermittelt auch eine bedrohliche Kälte; Hiddlestons Fuchsgesicht mit seinem konzentrierten Blick, das mitunter von einem wölfischen Loki-Grinsen aufgebrochen wird, macht den unbeugsamen Willen Pines hinter der Undercover-Fassade spürbar. Ihnen gegenüber stehen zwei unterschiedliche Frauenfiguren: Elizabeth Debicki, unlängst in The Man from U.N.C.L.E. als mascaratragende Bösewichtin zu sehen, gibt hier Ropers verletzliche Freundin Jed, während Broadchurch-Star Olivia Colman einmal mehr als bodenständige (und obendrein hochschwangere) Beamte das bisweilen abgehobene Geschehen erdet.

Sicher, das ist nicht Tinker, Tailor, Soldier, Spy, aber diese für haufenweise Emmys nominierte Produktion macht großen Spaß, erst recht gemessen an Jason Bourne und den mäßig geglückten Comicadaptionen der letzten Zeit. Hiddleston, der bisher in Crimson Peak, Only Lovers Left Alive und The Deep Blue Sea eher ephemere Figuren spielte, legt hier eine gestählte Körperlichkeit und Sexyness an den Tag, die ihn für Daniel Craigs Nachfolge als 007 empfiehlt (gemessen an Craigs Charakterisierung als «blunt instrument» (durch M, in Casino Royale) wäre Hiddleston als Agent schon eher ein wendiges Stilett). Einen Wodka Martini gönnt er sich hier schon mal.

The Night Manager wird ab dem 27. August in drei Teilen auf SRF 1 zu sehen sein; auf DVD und online ist die Mini-Serie schon jetzt ein Renner.

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