Editorial: Haben die sie nicht alle?

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Wie bitte? Das Filmpodium widmet der Glanzzeit des Hongkong-Kinos eine grosse Retrospektive – ohne Chungking Express oder einen einzigen Film von John Woo? Da zeigen sie Hollywoodkomödien der Nachkriegszeit und verzichten auf Some Like It Hot? Sie feiern die Jahrhundertfilme von 1977, und weder Annie Hall noch Star Wars oder Close Encounters of the Third Kind sind dabei? Haben die sie nicht alle?

Nein, wir haben sie tatsächlich nicht alle – leider. Die Zusammenstellung der Hongkong-Reihe etwa erwies sich als höchst kompliziert. Viele der wichtigsten Filme, etwa die Meisterwerke im Action-Bereich von Tsui Hark, John Woo und Ching Siu-tung oder die stilbildenden Arthouse-Filme von Wong Kar-wai, sind auf DVD und Blu-ray problemlos erhältlich, sodass man annehmen könnte, eine Retrospektive zu programmieren, sei ein Klacks. Tatsache ist aber, dass die entsprechenden Kinorechte weit verstreut und 35-mm-Kopien (geschweige denn solche mit Untertiteln) kaum noch verfügbar sind. Manche Werke sind schlicht ausser Verkehr: Die Vorführrechte an John Woos Filmen (und vielen anderen) gehören derzeit einem Konzern, der gar nicht im Verleihgeschäft tätig ist, und sind somit fürs Kino blockiert, obwohl Woo persönlich die Vorführung seiner Werke im Filmpodium gutgeheissen hat. Wong Kar-wais Firma hingegen liess ausrichten, er sei an unserer Retrospektive nicht interessiert, weshalb wir nur seine zwei ersten Filme zeigen können.

Etwas anders verhält es sich bei den Hollywoodkomödien. Da haben wir bewusst einige grosse Titel weggelassen, da diese in den letzten Jahren bei uns häufig zu sehen waren, etwa in Retrospektiven zu Marilyn Monroe, George Cukor usw.

Auch unsere Idee, in der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» Meisterwerke zu zeigen, die in diesem Jahr einen runden Geburtstag feiern, ist nicht ohne Tücken: Gewisse Studios und Verleiher nehmen solche Jubiläen ihrerseits zum Anlass, diese Klassiker nochmals ins Kino zu bringen, was perverserweise deren Wiederaufführung im Filmpodium verhindert, wie bei den erwähnten Titeln von Woody Allen, George Lucas und Steven Spielberg.
Wir können also tatsächlich nicht alle Filme zeigen, die es in den aktuellen Kontexten verdient hätten. Deshalb führen wir zu diesen Reihen Listen mit weiteren Titeln auf, die sehenswert sind – wenn auch nicht bei uns.

Die im vorliegenden Programm enthaltenen Werke können wir aber ausnahmslos empfehlen, und darum bieten wir ein Sommer-Abo an, mit dem Sie für bloss 95 Franken von Juli bis September alle 62 Filme sehen können.

Ein Editorial von Michel Bodmer

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