Meta Spike

Spike Lee

 

Schon lange, vielleicht sogar seit Beginn seiner gesamten Karriere – geniesst Spike Lee in den USA eine privilegierte Position. Er gilt als der künstlerische Massstab schlechthin und gar als Botschafter für das schwarze Kino. Anwärter auf seinen Thron sind keine in Sicht. Keine:r von denen, die nach ihm kamen, hat über so viele Jahrzehnte hinweg so viele Filme gedreht oder ähnlich viel Aufmerksamkeit vonseiten der Filmkritik genossen. Lees Konterfei ist ins Lexikon der Populärkultur eingegangen. Seine Starpower ist sogar so gross, dass er zu den wenigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zählt, die man bei ihrem Vornamen nennen kann, und es ist sofort klar, von wem die Rede ist. Sehr wahrscheinlich werden wir nie wieder einen Auteur wie ihn erleben.

Also begegnen wir Spike am besten gleich auf einer Metaebene. Während wir uns vor dem Künstler bereits mit einer grossen Retrospektive verneigen, die den grössten Teil seiner unglaublichen Karriere beleuchtet, wollen wir die Gelegenheit auch nutzen, um die filmische Genealogie zu erkunden, die diesen kreativen Geist geprägt hat. Dieses Zusatzprogramm ist Filmen gewidmet, die Spike Lee inspiriert haben, egal, ob er sie direkt als Inspirationsquelle genannt hat oder nicht. Sein Œuvre selbst deutet darauf hin, dass Lee diese Werke in einem prägenden Moment seines Lebens gesehen und ihre politischen und ästhetischen Eigenschaften aufgesogen haben muss. In einigen Fällen hat er eine Art Remake realisiert, in anderen hat er sich in seinen Filmen direkt auf sie bezogen. Dann gibt es noch die Filme, auf deren Themen und Anliegen er indirekt eingeht, wenn er über das Kino nachdenkt und spricht. Es ist nicht schwer, diese Verbindungslinien von der modernen Ära der schwarzen Filmkultur bis hin zu Lees ganz eigener, einzigartiger Ausprägung von filmischem Modernismus zu ziehen, die als Spike-Lee-Brand für das zeitgenössische schwarze Kino steht.

Und doch ist dieses Programm auch spekulativ. Es ist ein Versuch, rückwirkend Spike Lees offensichtliche Obsessionen und ausdrückliche Neigungen freizulegen, seine Vorstellungen und Ideen zu untersuchen und sie zu würdigen: Foxy Brown sollte für alle ein Pflichtbesuch im Kino sein, die sich für die historische Entwicklung der schwarzen weiblichen Star-Kultur im Film interessiert. Pam Grier war und ist eine Besonderheit: eine schwarze Sex-Ikone, die den Ton angibt und den männlichen Blick kontrolliert und obendrein als der erste weibliche Actionstar der Kinogeschichte gilt. Ganja & Hess ist eine Perle von einem Film: das mutige Werk eines schwarzen Autorenfilmers, der keine Angst hatte, mit Bild und Ton zu experimentieren, und der sich nicht dem kommerziellen Druck beugte. La permission ist irgendwie und aus unerklärlichen Gründen aus der Geschichte des internationalen Kinos verschwunden. Der Film ist ein fehlendes Bindeglied für so viele ästhetische Verknüpfungen, sei es im Hinblick auf den transnationalen Film, Rassenbeziehungen im Kino oder die Post-Nouvelle-Vague. Ganz einfach, ohne Melvin van Peebles könnte es keinen Spike Lee geben. Und Odds Against Tomorrow zeigt, dass es ohne einen Harry Belafonte keine Pam Grier gegeben hätte. Es ist auch ein Film, der sich nicht davor scheut, rassistischer Intoleranz ins Auge zu sehen, ohne dass jemals ein Hauch von Sentimentalität oder Moral das Urteil des Regisseurs trübt. Als Urtext für dieses Programm kommt dagegen durchaus The Jackie Robinson Story infrage. Zu diesem Film hat sich Spike Lee zwar nicht oft geäussert. Aufgrund des recht konservativen klassischen Hollywood-Modells, das er anwendet, könnte es gar ein Film sein, von dem sich Lee distanziert. Dennoch sind die Parallelen zu seinen bevorzugten Themen zu zahlreich, als dass man sie ohne Weiteres ignorieren könnte.

Die erste und augenfälligste Verbindung ist das Format des Biopics und die Konzentration auf Jackie Robinson, eine der wichtigsten und symbolhaftesten Persönlichkeiten der modernen Geschichte des schwarzen Amerikas. Lee hat mit dem überragenden Monument Malcolm X seinen eigenen grossen Beitrag zum Biopic-Kanon geleistet. Zudem ist die Wertschätzung schwarzer Bürger, die einen ausserordentlichen, wenn auch unterbewerteten Beitrag zur US-Gesellschaft geleistet haben, von zentraler Bedeutung für sein Werk. Lee hat mehrfach den Wunsch geäussert, selber einen Film über Jackie Robinson zu drehen. Es wäre unweigerlich auch ein Film über sein geliebtes Brooklyn geworden, wo Robinson seine Legende begründete; geweihte Erde für die nachfolgende schwarze Populärkultur – nicht zuletzt wegen Lee selbst und seiner kraftvollen, mit Hingabe kreierten filmischen Visionen dieses Stadtteils. Der Geist der Jackie Robinson Story fliesst über die Jahrhunderte auch durch das Werk von Ruby Dee, die in dem Film zu Beginn ihrer glorreichen Karriere eine Hauptrolle spielte und natürlich einige der bekanntesten und erfolgreichsten von Lees frühen Filmen mit ihrer Anwesenheit beehrte. Es ist nicht abwegig, darüber zu spekulieren, dass der junge Lee Robinson auch einmal persönlich begegnet sein könnte. Stellen wir uns vor, wie sich ihre Hände freundschaftlich verschränken – sicherlich eine Vision, die eines Freskos eines Renaissance-Meisters würdig wäre. Und so springt der Funke schwarzer Vortrefflichkeit von einer Generation auf die nächste über.

Man braucht nicht lange zu suchen, um auch in Lees eigenen Filmen Spuren von Jackie Robinson zu entdecken. In seinem meisterhaften Durchbruchfilm Do the Right Thing spielt er selbst die Hauptfigur Mookie, einen Pizzaboten, der in seiner Lieblingsuniform, einem alten Brooklyn-Dodgers-Trikot mit Robinsons legendärer Nummer 42, durch die Strassen des unerbittlichen Viertels Bed-Stuy schlendert. Wie es sich für einen Metatext gehört, ist der Name Mookie eine weitere Anspielung auf Baseball: Er erinnert an Mookie Wilson, den berühmten Outfielder der New York Mets, der 1986 die World Series gewann. Meta Mookie trägt ausserdem ein frisches Paar Air Jordans, das die Sportart wechselt und gleichzeitig auf den vielleicht transzendentesten schwarzen Sportstar überhaupt verweist: Michael Jordan, der nicht nur den Basketballsport, sondern buchstäblich auch den Kleidungsstil sowohl auf dem Spielfeld als auch auf der Strasse verändert hat. Ergänzt wird das Outfit durch ein afrikanisches Medaillon, das Mookie um den Hals trägt. Dies ist der wohl wichtigste kulturelle Signifikant und Subtext in Lees Kino –– das ist die wahre Heimmannschaft, die er anfeuert, und es ist die Wurzel allen Ringens und Kämpfens, das seine Figuren überwinden müssen.

Das Programm «Meta Spike» bietet uns die Möglichkeit, «um» Spike Lee herumzureden, die Zeichen und Symbole aufzuspüren, die in seinen Filmen pulsieren. Das Publikum ist eingeladen, eigene Verbindungen herzustellen, eine Art Konstellation zu konstruieren, die Spike Lee und die leidenschaftlichen Überzeugungen seines Werks beleuchtet. Diese Galaxie nennen wir Cinephilie, während Lees wachsende Filmografie ein eigenes Sonnensystem darstellt.

Greg de Cuir Jr

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