Bereits 1946 konstatierte Wolfgang Staudte: Die Mörder sind unter uns. Sprach jener erste Trümmerfilm noch direkt die Kriegsverbrechen an, spiegelt sich ein Jahr später die jüngere Vergangenheit verstärkt in Kriminalhandlungen aus Mord und Betrug. So lotet Orson Welles’ The Lady from Shanghai die Abgründe menschlichen Seins zwischen Lust, Habgier und Verrat aus, bis am Ende im Spiegelkabinett die Fassaden der Hauptfiguren sprichwörtlich zerbrechen. Nicht allein in den USA machen sich die Erinnerungen an die Schrecken des Krieges und seine Folgen in den Schattenwelten des Film noir breit: Carol Reeds Odd Man Outund Henri-Georges Clouzots Quai des Orfèvresspielen in den Strassen von Belfast und Paris und zeichnen sich nebst der expressiven Schwarzweissfotografie durch einen Nachkriegsrealismus aus, wie ihn Paul Schrader als charakteristisch für den Film noir jener Zeit ansieht. «DAS ERSTE JAHRHUNDERT DES FILMS: 1947» weiterlesen →
Zum Kinostart von David Cronenbergs «The Fly» (1986) hat Michel Bodmer, heute stellvertretender Leiter des Filmpodiums Zürich und damals Journalist beim Filmbulletin, gemeinsam mit seiner Kollegin Christa Telles (Szene) den kanadischen Regisseur in Hamburg interviewt. Das vollständige Transkript des Gesprächs können Sie nun auf dem Blog des Filmpodiums nachlesen, anlässlich der Aufführungen von «The Fly» als Teil der Programmreihe «Das erste Jahrhundert des Films: 1986». Im Interview spricht Cronenberg über seinen Bezug zum Genre des Horrorfilms, seiner romantischen Ader, den Unterschied zwischen Fantasie und Furcht und der Möglichkeit eines Sequels (es gibt tatsächlich ein Sequel von Cronenbergs erfolgreichstem Film aus dem Jahre 1989 – The Fly II. Gemäss dem Regisseur wurden seine eigenen Pläne für eine Überarbeitung des Films, an denen er seit 2011 gearbeitet hat, nie verwirklicht).
John Fords legendärer Western The Searchers demontiert in den epischen Weiten des Monument Valley den amerikanischen Gründungsmythos und Nicholas Rays seziert in seinem Melodrama Bigger Than Life in Cinemascope sowie mit expressivem Licht- und Schattenspiel den American Way of Life. Zur gleichen Zeit beeinflussen US-Kriminalfilme wie The Asphalt Jungle Jean-Pierre Melvilles Bob le flambeur, der damit auch zeitgebundener Ausdruck der zunehmenden Amerikanisierung respektive Modernisierung Europas ist. Was sich 1956 mit Melvilles Porträt eines alten Kriegers und Robert Bressons formal bahnbrechendem Gefängnisfilm Un condamné à mort s’est échappéandeutet, kommt wenige Jahre später unter dem Namen Nouvelle Vague und mit Regisseuren wie Godard oder Truffaut, die dann umso deutlicher Anleihen beim klassischen Hollywood machen, zu endgültigem Durchbruch. Der vom «Vater» der Nouvelle Vague – André Bazin – wiederum so hochgelobte italienische Neorealismus erlebt mit Pietro Germis Il ferroviere nochmals einen Höhepunkt, während sich Satyajit Ray für Aparajito nicht zuletzt von den Vertretern jener Filmbewegung inspirieren lässt. In Deutschland wird der grosse Filmstar Heinz Rühmann bereits totgesagt, bevor er in der Satire Der Hauptmann von Köpenick unter der Regie Helmut Käutners seine vielleicht beste Leistung abliefert und auf der Karriereleiter neue Höhen erklimmt.
Einer gegen das System – 1954 träumte einmal mehr jemand den grossen Traum des amerikanischen Kinos. Diesmal hiess der Träumer Elia Kazan: Er platzte mit On the Waterfrontin die von antikommunistischer Paranoia erschütterten USA. George Cukors A Star Is Bornmit Judy Garland und James Mason faszinierte derweil sein Publikum, wie Alfred Hitchcocks Rear Window, mit perfektem Drehbuch, perfekter Kulisse und – mit Grace Kelly und James Stewart – perfekter Besetzung. In Italien schrieben sich Anthony Quinn und Giulietta Masina mit Federico Fellinis La strada in die Filmgeschichte ein, während in der Schweiz Liselotte Pulver und Hannes Schmidhauser mit Franz Schnyders Uli der Knecht zu nationalen Leinwandstars wurden. Und in Japan tauchte erstmals Godzilla auf, der zu einer Ikone der Popkultur wurde – und bis heute nichts von seiner Strahlkraft verloren hat.
Animal Farm (Joy Batchelor, John Halas, GB)
Carmen Jones (Otto Preminger, USA)
Creature from the Black (Lagoon Jack Arnold, USA)
Dial M for Murder (Alfred Hitchcock, USA)
Die sieben Samurai (Akira Kurosawa, J)
Eine Erzählung nach Chikamatsu (Kenji Mizoguchi, J)
1943 – die Welt steht in Flammen. Goebbels ruft den «totalen Krieg» aus, die USA sind seit Dezember 1941 ebenfalls in den Zweiten Weltkrieg involviert. Dennoch markiert 1943 die deutsche Niederlage bei Stalingrad auch den Beginn der Wende und deutet auf ein nicht mehr fernes Ende der Katastrophe hin. In den Kinos Deutschlands schwelgt derweil Münchhausen in einer Ausstattungsopulenz, die im krassen Gegensatz zur Not der Bevölkerung steht, während die kriegsbedingten Einschränkungen in den USA die realistische Kulisse für die fröhliche Screwball-Komödie The More the Merrier abgeben. In Italien begründet Viscontis Ossessione mit dem Neorealismo ein neues Genre und wird kurz nach der Premiere von Benito Mussolini verboten – bereits zwei Monate später soll der Diktator selbst ein erstes Mal abgesetzt werden, wenn auch nur für kurze Zeit. Clouzots unter deutscher Besatzung entstandener, bitterböser Le corbeaustösst bei den Franzosen zunächst auf vehemente Ablehnung und wird erst später rehabilitiert. Ähnlich geht es in der Schweiz dem Film Wilder Urlaub; wegen seiner Kritik am Militär fällt sein Regisseur Franz Schnyder in Ungnade. Dabei zeigte sich Schnyder gerade hier viel virtuoser und moderner als in seinen Gotthelf-Filmen.
Campo de’ Fiori (Mario Bonnard, I)
Destination Tokyo (Delmer Daves, USA)
Fires Were Started (Humphrey Jennings, GB)
First Comes Courage (Dorothy Arzner, USA)
Flesh and Fantasy (Julien Duvivier, USA)
For Whom the Bell Tolls (Sam Wood, USA)
Goupi Mains Rouges (Jacques Becker, F)
Hangmen Also Die! (Fritz Lang, USA)
Heaven Can Wait (Ernst Lubitsch, USA)
I Walked with a Zombie (Jacques Tourneur, USA)
Lassie Come Home (Fred M. Wilcox, USA)
Les anges du péché (Robert Bresson, F)
Romanze in Moll (Helmut Käutner, D)
Sugata Sanshiro/Judo Saga (Akira Kurosawa, J)
The Life and Death of Colonel Blimp (Michael Powell/ Emeric Pressburger, GB)
The Ox-Bow Incident (William A. Wellman, USA)
The Song of Bernadette (Henry King, USA)
Vredens dag (Tag der Rache) (Carl Theodor Dreyer, DK)Who Killed Who? Tex Avery, USA
Das Jahr 1933 ist geprägt durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten – es ist ein Jahr der ersten Welle der Vertreibung jüdischer Künstler, der Flucht ins zumindest vorübergehend sichere Ausland. In Deutschland sollten viele Filmschaffende für lange Zeit, wenn nicht gar zum letzten Mal Mitwirkende in einem deutschen Film sein. Viele ihrer Arbeiten, die bereits 1932 produziert worden waren, kamen 1933 ins Kino und wurden – wie Fritz Langs Das Testament des Dr. Mabuse – von Propagandaminister Goebbels verboten. Einer der schönsten Befreiungsakte der Filmgeschichte, die Kissenschlacht in Jean Vigos Zéro de conduite, entstand in Frankreich, wurde aber ebenfalls von der Zensur verboten und erst über zehn Jahre später freigegeben. Die Geburt eines der berühmtesten Filmmonster dagegen wurde mit King Kong in den USA gefeiert, wo auch Ernst Lubitsch in Design for Living die Zensoren mit einer No-Sex-Devise abspeiste.
42nd Street (Lloyd Bacon, USA)
Alice in Wonderland (Norman Z. McLeod, USA)
Baby Face (Alfred E. Green, USA)
Christopher Strong (Dorothy Arzner, USA)
Dancing Girl of Izu (Izu no odoriko) (Heinosuke Gosho, Japan)
Duck Soup (Leo McCarey, USA)
Ganga Bruta (Humberto Mauro, Brasilien)
Gold Diggers of 1933 (Mervyn LeRoy, USA)
I’m No Angel (Wesley Ruggles, USA)
Japanese Girls at the Harbor (Minato no Nihon musume) (Hiroshi Shimizu, Japan)
Unsere Filmauswahl für das Jahr 1992 vereinigt grosse Gefühle, abgründige Männerporträts und Roadmovies mit Kindern und Jugendlichen.
Il ladro bi bambini ( Gianni Amelio, Italien/Frankreich/Schweiz)
Mit Strictly Ballroom trat erstmals ein junger australischer Regisseur auf, der mit seiner unverschämten Freude an grossen Gefühlen, Glamour und prächtigen Kostümen verblüffte: Baz Luhrmann. Mit seiner Liebe zur Opulenz sollte er danach noch mehrfach von sich reden machen, sei es mit dem eigenwillig modernisierten Romeo and Juliet, dem schwelgerischen Moulin Rouge! oder mit dem Epos Australia. Der Italiener Gianni Amelio hatte schon mehrere Filme realisiert und für Porte aperte (1991) zahlreiche Preise erhalten, als er 1992 mit Ladro di bambini die Herzen des Kinopublikums eroberte, mit der Geschichte des jungen Polizisten, dem unvorbereitet die Verantwortung für zwei herumgeschobene Kinder übertragen wird. Um ein (heiss geliebtes) Kind geht es auch in Christine Pascals Le petit prince a dit, dem vielleicht schönsten Film der viel zu früh verstorbenen Schauspielerin und Regisseurin, während Fernando Solanas’ Protagonist Martín schon ein Teenager ist, als er sich quer durch Lateinamerika auf die Suche nach dem Vater macht und gleichzeitig den ganzen Kontinent kennenlernt. Einer der erfolgreichsten lateinamerikanischen Filme steht mit Como agua para chocolate aus Mexiko auf dem Programm, der Sublimierung von unerfüllter Leidenschaft in die Kochkunst. Zwei sehr unterschiedliche Porträts von Männern schliesslich sind The Crying Game und Bad Lieutenant: In beiden tun sich Abgründe auf, die die Protagonisten zur Konfrontation mit sich selbst zwingen.
Basic Instinct (Paul Verhoeven, USA)
Batman Returns (Tim Burton, USA)
Bob Roberts (Tim Robbins, USA)
Bram Stoker’s Dracula (Francis Ford Coppola, USA)
Conte d’hiver (Eric Rohmer, Frankreich)
Die Geschichte von Qiu (Ju Qiu Ju da guan si) (Zhang Yimou, China)
Glengarry Glen Ross (James Foley, USA)
Hors saison (Daniel Schmid, Schweiz)
Howard’s End (James Ivory, GB)
La vie de bohème (Aki Kaurismäki, Finnland)
Les nuits fauves (Cyril Collard, Frankreich)
Malcolm X (Spike Lee, USA)
Orlando (Sally Potter, GB)
Reservoir Dogs (Quentin Tarantino, USA)
Schtonk! (Helmut Dietl, Deutschland)
The Player (Robert Altman, USA)
Und das Leben geht weiter (Zendegi va digar hich) (Abbas Kiarostami, Iran)
Un cœur en hiver (Claude Sautet, Frankreich)
El mariachi (Robert Rodriguez, USA)
Unforgiven (Clint Eastwood, USA)
Husbands and Wives (Woody Allen, USA)
Hyènes (Djibril Diop Mambéty, Senegal)
The Best Intentions (Den goda viljan) (Bille August, Schweden)
Un lugar en el mundo (Adolfo Aristarain, Argentinien)
Mainstream- und Kunstkino sind nicht nur ein Gegensatzpaar, sondern oft genug miteinander verflochten. Ein sprechendes Beispiel sind die unterschiedlichen Rollen, die Francis Ford Coppola 1982 bei One from the Heart, Der Stand der Dinge und Koyaanisqatsi innehatte.
Koyaanisqatsi (Godfrey Reggio, USA)
1982 war aus kommerzieller Sicht das Jahr von E.T., «dem besten Disney- Film, den Disney nie gemacht hat» (Variety). Das Fantasy-Märchen vom guten Alien festigte Steven Spielbergs Ruf als erfolgreichster Filmemacher. Sein einstiger Weggefährte Francis Ford Coppola dagegen wollte nach Apocalypse Now ganz andere Filme machen und sah die Zukunft des Kinos – allzu früh – schon in elektronisch erzeugten Traumbildern. Sein synthetisches Meisterstück One from the Heart bescherte seiner Firma die Insolvenz.
Coppola war es auch, der Wim Wenders ein paar Jahre zuvor eingeladen hatte, einen Film über Dashiell Hammett zu machen, doch zog sich das Projekt wegen Meinungsverschiedenheiten hin. Wenders verarbeitete seine amerikanischen Erfahrungen in Der Stand der Dinge, seinem Essay über die unterschiedlichen Vorstellungen von Kino zwischen Kunst und Kommerz.
Um den schöpferischen Prozess dreht sich auch The Draughtsman’s Contract, der erste Spielfilm Peter Greenaways, der damit zum Inbegriff des intellektuellen Filmkünstlers wurde. Ein weiteres experimentelles Werk kam mit Koyaanisqatsi auf die Leinwand: Diese ebenfalls von Coppola unterstützte Zivilisationskritik wurde zu einem weltweiten Erfolg – obwohl denkbar weit entfernt von den Prinzipien des Blockbuster-Kinos.
La notte di San Lorenzo (Paolo & Vittorio Taviani, Italien)
Gandhi (Richard Attenborough, GB)
Die weisse Rose (Michael Verhoeven, BRD)
Yol (Ilmaz Güney/Serif Gören, Türkei)
White Dog (Samuel Fuller, USA)
The Thing (John Carpenter, USA)
Tenebre (Dario Argento, Italien)
Sophie’s Choice (Alan J. Pakula, USA)
The Shaolin Temple (Shao Lin Si)(Chang Hsin-yan, China)
Die Sehnsucht der Veronika Voss (R. W. Fassbinder, BRD)
Querelle (R.W. Fassbinder, BRD)
Pink Floyd The Wall (Alan Parker, GB)
Hammett (Wim Wenders, USA)
Fitzcarraldo (Werner Herzog, BRD)
First Blood (Ted Kotcheff, USA)
Fanny och Alexander (Ingmar Bergman, Schweden)
Eating Raoul (Paul Bartel, USA)
Das Gespenst (Herbert Achternbusch, BRD)
Diner (Barry Levinson, USA)
Dead Men Don’t Wear Plaid (Carl Reiner, USA)
The Dark Crystal (Jim Henson, Frank Oz, USA)
Conan the Barbarian (John Milius, USA)
La colmena (Mario Camus, Spanien)
Blade Runner (Ridley Scott, USA)
Weitere wichtige Filme von 1982
Blade Runner (Ridley Scott, USA) La colmena (Mario Camus, Spanien) Conan the Barbarian (John Milius, USA) The Dark Crystal (Jim Henson, Frank Oz, USA) Dead Men Don’t Wear Plaid (Carl Reiner, USA Diner Barry Levinson, USA) Das Gespenst(Herbert Achternbusch, BRD) Eating Raoul(Paul Bartel, USA) Fanny och Alexander (Ingmar Bergman, Schweden) First Blood (Ted Kotcheff, USA) Fitzcarraldo (Werner Herzog, BRD) Gandhi (Richard Attenborough, GB) Hammett (Wim Wenders, USA) La notte di San Lorenzo (Paolo & Vittorio Taviani, Italien) Pink Floyd The Wall (Alan Parker, GB) Querelle (R.W. Fassbinder, BRD) Die Sehnsucht der Veronika Voss (R. W. Fassbinder, BRD) The Shaolin Temple/Shao Lin Si (Chang Hsin-yan, China) Sophie’s Choice (Alan J. Pakula, USA) Tenebre (Dario Argento, Italien) The Thing (John Carpenter, USA) Die weisse Rose (Michael Verhoeven, BRD) White Dog (Samuel Fuller, USA) Yol (Ilmaz Güney/Serif Gören, Türkei)
Bedingt durch unsere Sommerpause vereint das Juli-August-Programm zwei Jahrgänge, 1962 und 1972. Während 1962 durch Erneuerungsbewegungen im europäischen Kino geprägt ist, trumpft 1972 Francis Ford Coppola mit seinem epochemachenden The Godfatherauf.
The Godfather (Francis Ford Coppola, USA)
1962 war für Hollywood ein Krisenjahr, wie es der Tod Marilyn Monroes nur äusserlich markierte: Das Studiosystem mit seinen Stars hatte weitgehend ausgedient, und während das europäische Kino etwa mit Nouvelle Vague und Free Cinema ganz im Zeichen des Aufbruchs stand, hatten die jungen Wilden von New Hollywood noch nicht begonnen, das amerikanische Kino mit ihrer frischen Herangehensweise zu durchlüften. Entsprechend ist unsere Auswahl vom europäischen Kino dominiert. Sie vereinigt mehrere Erstlings- und Zweitlingsfilme, etwa Cléo de 5 à 7 von «Nouvelle-Vague-Mutter» Agnès Varda, Mamma Roma von Pier Paolo Pasolini und Das Messer im Wasser, den ersten und einzigen polnischen Langspielfilm von Roman Polanski; sie zeigt aber auch eine neue Tendenz auf, politisch engagiertes, zeitkritisches Kino zu machen, etwa mit Salvatore Giuliano von Francesco Rosi oder The Loneliness of the Long Distance Runner von Tony Richardson.
1972 ist der Wandel in den USA vollzogen, das US-Kino ist mit neuer Kraft präsent. In Europa begeistert Federico Fellini mit seiner Stadt-Hommage Roma, Altmeister Ingmar Bergman mit Schreie und Flüstern, während Bernardo Bertolucci mit Last Tango in Paris einen wohlkalkulierten Skandal inszeniert. Paul Leduc schliesslich setzt mit seiner romantikfreien Schilderung des Engagements von Reporter John Reed in Reed, México insurgente neue Massstäbe für das mexikanische Kino.
Nach dem Überfall auf Pearl Harbor Ende 1941 wurde das Kriegs- geschehen definitiv zum Weltkrieg. Die Filme des Jahres 1942 sind vor diesem Hintergrund zu sehen: als Propagandafilme, Evasionskino oder Schilderungen der Ernüchterung.
This Gun for Hire (Frank Tuttle, USA)
Ein Pfarrer, der beim Predigen auf der Kanzel so lange mit der Pistole spielt, die er unter der Soutane versteckt hat, bis sich ein Schuss löst – zeitgenössische Kritiker bemängelten, Leopold Lindtberg und vor allem seine Produktionsfirma Praesens zeigten in Der Schuss von der Kanzel«Angst vor der Wirklichkeit» und würden sich mit der Wahl der Conrad-Ferdinand-Meyer-Novelle als Vorlage in ein unpolitisches Kostümland zurückziehen. Tatsächlich ist darin keine Geistige Landesverteidigung à la Füsilier Wipf, Gilberte de Courgenay und Landammann Stauffacher auszumachen. Und doch: Die Nähe zum Militärischen in einer Zeit mitten im Krieg ist wohl kein Zufall.
Am 7. Dezember 1941 überfiel Japan Pearl Harbor, am 8. Dezember traten die USA in den Zweiten Weltkrieg ein. Dies wird in Yankee Doodle Dandy, einem der drei Filme, die Michael Curtiz 1942 realisierte, schon thematisiert; Casablanca, Curtiz’ sicher bekanntester Film aus diesem Jahr, muss noch während den Dreharbeiten angesichts der Kriegsentwicklung immer wieder umgeschrieben werden. Mrs. Miniver, eine in England spielende amerikanische Produktion, wird von vielen schlicht als Propagandafilm, als Vorbereitung für den Eintritt der USA in den Krieg verstanden: «Seht», scheint er zu sagen, «diese Engländer sind (fast) wie wir – wir können sie angesichts der Bedrohung nicht im Stich lassen.» Viele Filme entstehen mit direkter staatlicher Unterstützung oder in Zusammenarbeit mit dem Kriegsministerium: One of Our Aircraft is Missing von Powell/Pressburger, In Which We Serve von David Lean und Noel Coward in England, in den USA John Fords Dokumentarfilm The Battle of Midway. Auch Ernst Lubitsch nimmt das Zeitgeschehen mit To Be or Not to Be auf; er aber musste sich später immer wieder vorhalten lassen, er habe keine Ahnung vom Ausmass der Naziverbrechen gehabt und habe diese verharmlost.
Neben Filmen mit direktem Kriegsbezug gab es auch eskapistische – Wiener Blut von Willi Forst etwa –, aber zunehmend auch solche, in denen Ernüchterung, ja Pessimismus sich breit macht: The Magnificent Ambersons rechnet mit dem Fortschrittsglauben ab, in dem er den Preis dafür benennt, und This Gun for Hire und The Glass Key deuten mit ihrer Grundstimmung schon an, wohin sich der Film noir entwickeln wird.
Footlight Serenade (Gregory Ratoff, USA)
Casablanca (Michael Curtiz, USA)
Dernier atout (Jacques Becker, F)
Desperate Journey (Raoul Walsh, USA)
Die goldene Stadt (Veit Harlan, D)
In Which We Serve (David Lean, Noel Coward, GB)
Noi vivi (Goffredo Alexandrini, I)
One of Our Aircraft Is Missing (Michael Powell, Emeric Pressburger, GB)
Saboteur (Alfred Hitchcock, USA)
The Talk of the Town (George Stevens, USA)
To Be or Not to Be (Ernst Lubitsch, USA)
Bambi (David Hand/Walt Disney Studio, USA)
L'assassin habite au 21 (Henri-Georges Clouzot, F)
The Palm Beach Story (Preston Sturges, USA)
Yankee Doodle Dandy (Michael Curtiz, USA)
Woman of the Year (George Stevens, USA)
Wiener Blut (Willi Forst, D)
Went the Day Well? (Alberto Cavalcanti, GB)
The Glass Key (Stuart Heisler, USA)
The Black Swan (Henry King, USA)
Native Land (Paul Strand, Leo Hurwitz, USA)
Maschenka (Juli Raisman, UdSSR)
Listen to Britain (Humphrey Jennings, UK)
Les inconnus dans la maison (Henri Decoin, F)
La symphonie fantastique (Christian-Jaque, F)
Jungle Book (Alexander Korda, USA)
I Married a Witch (René Clair, USA)
Gentleman Jim (Raoul Walsh, USA)
Cat People (Jacques Tourneur, USA)
Bengasi (August Genina, I)
Weitere wichtige Filme von 1942
Bambi (David Hand/Walt Disney Studio, USA) Bengasi (August Genina, I) Casablanca (Michael Curtiz, USA) Cat People (Jacques Tourneur, USA) Dernier atout (Jacques Becker, F) Desperate Journey (Raoul Walsh, USA) Die goldene Stadt (Veit Harlan, D) Footlight Serenade (Gregory Ratoff, USA) GentlemanJim (Raoul Walsh, USA) I Married a Witch (René Clair, USA) In Which We Serve (David Lean, Noel Coward, GB) Jungle Book (Alexander Korda, USA) La symphonie fantastique (Christian-Jaque, F) L’assassin habite au 21 (Henri-Georges Clouzot, F) Les inconnus dans la maison (Henri Decoin, F) Listen to Britain (Humphrey Jennings, UK) Maschenka (Juli Raisman, UdSSR) Native Land (Paul Strand, Leo Hurwitz, USA) Noi vivi (Goffredo Alexandrini, I) One of Our Aircraft Is Missing(Michael Powell, Emeric Pressburger, GB) Saboteur (Alfred Hitchcock, USA) The Black Swan (Henry King, USA) The Glass Key (Stuart Heisler, USA) The Palm Beach Story (Preston Sturges, USA) The Talk of the Town(George Stevens, USA) To Be or Not to Be (Ernst Lubitsch, USA) Went the Day Well?(Alberto Cavalcanti, GB) Wiener Blut (Willi Forst, D) Woman of the Year (George Stevens, USA) Yankee Doodle Dandy (Michael Curtiz, USA)