Editorial: Back to Filmpodium

Hero (Zhang Yimou, China/Hongkong 2002)

Vielleicht freuen wir uns zu früh, aber wir wollen unsere Freude, solange sie währt, doch mit Ihnen teilen: Das Virus hat sich auch beim Filmpodium in den Eintrittszahlen niedergeschlagen, aber merklich weniger heftig als bei den kommerziellen Kinos. Im Juli und August verzeichneten wir knapp zwei Drittel des durchschnittlichen Publikumsvolumens der letzten Jahre. Das ist ansehnlich und liegt wohl daran, dass wir zum einen nicht von Premieren neuer Filme abhängig sind, die (noch) nicht gezeigt werden können, zum andern ein wirklich treues Stammpublikum haben. Diesem sind wir sehr dankbar – und bitten es gleichzeitig, auch wieder mehr zur Konkurrenz zu gehen, denn die Premierenkinos haben es dieses Jahr noch schwerer als sonst. Streaming ist pandemiehalber für immer mehr Menschen zur Norm in Sachen Filmkonsum geworden, und die Auswertungsfenster fürs Kino verkürzen sich zusehends. Manche Filme starten inzwischen gleichzeitig online und im Kino oder gar zuerst online, sodass die Säle ungewollt immer mehr Platz für Social Distancing aufweisen. Also kommen Sie bitte nicht nur «back to Filmpodium», sondern gehen Sie generell «back to cinema».

Nicht, dass das Filmpodium im Oktober/November-Programm wenig zu bieten hätte – im Gegenteil; ganz nach dem Motto «aufgeschoben ist nicht aufgehoben» bringen wir nun jene schönen Filmreihen, die wir Ihnen eigentlich im Frühjahr kredenzen wollten:

Vor der Kamera verlockt Louise Brooks, die Ikone der – in diesem Jahr immer noch als Bezugspunkt relevanten – Roaring Twenties und modernste Schauspielerin des Stummfilms. Mit ganz wenigen Ausnahmen zeigt unsere Retrospektive alles, was von ihrer kurzen, kometenhaften Karriere erhalten ist, vieles davon begleitet mit Live-Musik.

Hinter der Kamera beeindruckt Kira Muratowa, die noch während der Sowjetzeit ebenso unbequeme wie innovative Filme drehte und deren Schaffen erst nach der Perestroika gebührend gewürdigt werden konnte.

Geschüttelt und gerührt werden Sie schliesslich von Zhang Yimou, dem erfolgreichsten und in mancher Hinsicht bedeutendsten chinesischen Filmemacher der Gegenwart. Seine farbigen Historiengemälde, akrobatischen Wuxia-Filme und nüchternen Alltagsstudien stellen ein Wechselbad der Formen und Stimmungen dar. Zhangs jüngster Film, Shadow, den wir als Kinopremiere zeigen, kommt visuell atypisch, nahezu monochrom daher und erinnert mit seiner Doppelgängerthematik an Kurosawas Meisterwerk Kagemusha, das gleichzeitig in unserer Jahrhundertreihe zu sehen ist.

Michel Bodmer

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