Editorial: Beiboot ahoi!

Ein Kino kann man unterschiedlich programmieren. Kommerzielle Premierenkinos sind stark von den Verleihern abhängig, die die Kinostarts immer häufiger weltweit koordinieren, um der Piraterie vorzubeugen und das Medienecho besser zu steuern. Allzu viele Filme werden breit lanciert und verdrängen allzu schnell andere aus den Sälen. «Sleepers», wie man einst jene Filme nannte, die ihr Publikum nur langsam fanden, dann aber endlos im Kino liefen, sind heute undenkbar. Bei solchen Spätzündern kann man nur hoffen, dass sie online Erfolg haben, ehe sie ganz von der Bildfläche verschwinden.

Multiplexe können immerhin Filme umherschieben und den einen oder anderen in kleineren Sälen eine Zeit lang nachspielen, allerdings oft nur einmal täglich. Sie sind auch recht flexibel, wenn es darum geht, auf die Aktualität zu reagieren, etwa wenn ein Film preisgekrönt wird und man diese Publizität nutzen will, um ihm eine zweite Chance auf der Leinwand zu geben.

Programmkinos hingegen planen viele Monate voraus. Die Abklärung der Rechte und die Beschaffung von Kopien sind viel komplexer und zeitraubender als bei Premieren, die vom Vertrieb als digitale Datei samt allen Sprachfassungen pfannenfertig ins Kino geliefert werden, inzwischen meist über Internet. Demgegenüber muss ein Kino wie das Filmpodium oft 35-mm-Kopien aus fernen Archiven kommen lassen und fremdsprachige DCPs mit Untertiteln ausstatten. Im vorliegenden Programm etwa sorgen wir selbst dafür, dass einige Filme von Youssef Chahine deutsch untertitelt zu sehen sind. Will sagen: Ein Programm wie dasjenige des Filmpodiums ist ein Tanker, berechenbar und zuverlässig, aber leider auch enorm schwerfällig. Auf aktuelle, unerwartete Ereignisse zu reagieren, war uns bisher unmöglich.

Um dies wenigstens teilweise zu ändern und beispielsweise kurzfristig angekündigte Besuche von Filmschaffenden oder jüngst verstorbene Persönlichkeiten des Kinos würdigen zu können, lassen wir ab sofort in jeder Programmperiode zwei Termine offen, die spontaner bestückt werden: Erst zehn Tage im Voraus wird jeweils angekündigt, was das Filmpodium dann zeigt. Falls es keinen aktuellen Grund für eine Sonderprogrammierung gibt, wiederholen wir besonders gefragte Titel aus dem regulären Angebot. Informiert werden Sie auf unserer Website und an der Kinokasse.

Wir hoffen, dass dieses wendige Beiboot zu unserem Tanker auch Sie an Bord holen kann.

Michel Bodmer

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