Editorial: Analog, digital – (nicht) egal

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Das Filmpodium zeigt zumeist nicht Premieren, sondern sehenswerte Werke der Filmgeschichte. Diese sind auf Film gedreht worden und wurden auch in dieser Form verliehen. Je älter ein Film, desto kleiner ist die Zahl der erhaltenen Kopien; je öfter diese gespielt wurden, umso schadhafter und fragiler sind sie. Darum sind vorführbare Kopien von älteren Filmen oft nur mit Mühe aufzuspüren. Es gibt eine Reihe von Archiven und Filmmuseen, die solche Raritäten horten und die wir danach abklappern. Doch selbst wenn ein Archiv über eine Kopie verfügt (und wir die Vorführrechte ergattert haben), ist noch längst nicht gesagt, dass diese im Kino öffentlich gespielt werden darf, denn jeder Gebrauch beansprucht das Material zusätzlich. Während das Filmpodium alte Filme einem neuen Publikum zeigen will, ist es die Aufgabe der Archive, das Filmerbe möglichst schonend zu bewahren. Deswegen wird es für Kinos wie das unsere immer schwieriger, ehemalige Verleihkopien zu zeigen – geschweige denn mehr als einmal; für das Publikum, aber auch für unsere Programmplanung sind Einzelvorstellungen jedoch undankbar. Zudem ist die Beschaffung von 35-mm-Kopien oft mit hohen Leihgebühren und Frachtkosten verbunden. Immerhin werden laufend einzelne Kinoklassiker (aufgrund des in den Archiven bewahrten Materials) restauriert und verfügbar gemacht, sei das auf 35-mm-Film, als DCP (der heutige Kinostandard), als Blu-ray- oder DVDEdition oder hochauflösendes Sendematerial fürs Fernsehen. Wir können es uns nicht leisten, puristisch zu sein und «originalgetreu» nur analoge Kopien vorzuführen, da unser Programm sonst längst nicht mehr stattfinden könnte. Im Sinne der Filmschaffenden wie auch des Publikums wollen wir die Filme in der besten verfügbaren Version zeigen – also möglichst unverstümmelt und in optimaler Bild- und Tonqualität –, egal auf welchem Träger. Im kommenden Programm etwa sehen Sie Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari so, wie der Film 1920 bei seiner Premiere erschien: Wir zeigen ein DCP der digital restaurierten Fassung. Auf der Leinwand des Filmpodiums wirkt zudem manche Blu-ray-Disk besser als eine abgewetzte 35-mm-Kopie. In Ausnahmefällen müssen wir gar zu einer guten DVD-Edition greifen, weil die vom Archiv gelieferte 16-mm-Kopie unzumutbar ist. Die Balance zwischen der Verfügbarkeit von (gutem) Filmmaterial, Ihren Programmbedürfnissen und unseren finanziellen Möglichkeiten zu finden, ist nicht einfach. Diesen Hochseilakt versuchen wir aber täglich zu optimieren.

Ein Editorial von Corinne Siegrist-Oboussier & Michel Bodmer

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