Zur Erinnerung an Martin Landau

Vor etwas mehr als einem Jahr zeigte das Filmpodium einen der letzten Filme des eben verstorbenen Martin Landau: In Atom Egoyans Remember spielte er einen greisen Juden, der seinen dementen Altersheim-Mitinsassen (Christopher Plummer) zu einem komplexen Rachefeldzug gegen einen Nazi anstiftet. 1996 hatte ich das Privileg, über eine Stunde lang mit Landau zu sprechen, anlässlich des Kinostarts von Steve Barrons The Adventures of Pinocchio. Hier der NZZ-Artikel, der aus der wunderbaren Unterhaltung mit diesem unterschätzten Ausnahmeschauspieler hervorging:

«Wäre ich eine Katze, dann wäre ich jetzt an meinem zehnten Leben», grinst Martin Landau zufrieden. Spät kam sie, diese «zehnte Karriere», aber seit 1988 währt nun das unverhoffte Comeback dieses Schauspielers, der nur scheinbar aus dem Nichts kam. Man kann Landau seinen heutigen Stolz nicht verargen, erst recht nicht, weil er seine wendungsreiche Vita mit der Verve des geborenen Raconteurs schildert, gespickt mit amüsanten Anekdoten, Stegreif-Kostproben von Schauspielkunst und umwerfenden Imitationen seiner Zeitgenossen und Mitarbeiter von Alfred Hitchcock bis Woody Allen.

Sein Leben begonnen hat Landau als typischer New Yorker (was man ihm heute noch anhört), 1931 in Brooklyn, als Sohn eines österreichischen Einwanderers und einer Yankee-Frau der 5. Generation. Den 17jährigen Martin, der sich als Grafiker ausbilden liess, verschlug es zur «New York Daily News», einem Blatt mit mehrfacher Millionenauflage, wo er eine Showbusiness-Kolumne illustrierte und für Gus Edson die Knochenarbeit am Comic Strip «The Gumps» erledigen musste.

Landaus künstlerische Ambitionen lagen jedoch anderswo, und beruflich zog es ihn zur Bühne. Er kündigte bei der Zeitung, schloss sich einer jungen Sommertheater-Truppe in Maine an und trat auch in Off-Broadway-Inszenierungen auf. Weil er aber eine richtige Ausbildung wollte, versuchte er’s beim Actors Studio von Lee Strasberg und Stella Adler. Zu seiner eigenen Überraschung wurde er auf Anhieb angenommen – neben Steve McQueen als einziger von über 2000 Bewerbern in jenem Jahr. Strasberg nahm Landau unter seine Fittiche, stellte aber auch hohe Ansprüche: «Wenn er mit mir fertig war, war ich tot, als hätte ich eben 15 Runden gegen Joe Louis gekämpft, mit gebundenen Händen. Bei solchen Freunden brauchte ich keine Feinde.» Landau räumt aber ein, dass ihm diese strenge Schule die inzwischen legendäre «method» der Schauspielerei, die auf Stanislavskys «System» beruhte, in Fleisch und Blut übergehen liess. Diese Technik, die das Erzeugen von Sinnesreaktionen ohne jeden äusseren Reiz bezweckte, revolutionierte die amerikanische Schauspielkunst. Schon früh liess der grosse Mentor seinen Schüler auch selbst unterrichten – eine Tätigkeit, die Landau bis heute ausübt.

Der Einstieg in Hollywood kam, als Alfred Hitchcock ihn für die Rolle von James Masons Schergen Leonard in North by Northwest besetzte. Landau, der auf der Bühne oft Machos verkörpert hatte, wollte aber nicht einen eindimensionalen Schurken spielen. Er überzeugte Hitchcock, dass Leonard als Homosexueller, der seinen Boss «auch aus Gründen erotischer Rivalität vor Eva Marie Saint beschützen» wollte, den Film bereichern würde. Trotz Hitchs Bedenken und den Warnungen seiner Kollegen ging Landaus Rechnung auf: Der kühl und souverän manipulierende, aber emotionell getriebene Leonard zählt zu den faszinierendsten Bösewichtern in Hitchcocks Werk.

Ansehnliche Rollen in Grossproduktionen wie Cleopatra und The Greatest Story Ever Told folgten, aber zum Star wurde Landau erst dank der Mattscheibe: Mission: Impossible hiess die innovative Thriller-Serie, die 1966 mit Peter Graves, Barbara Bain, Greg Morris, Peter Lupus und ins Leben gerufen wurde. Landau war darin der Verwandlungskünstler Rollin Hand, dessen Geschick entscheidend zum Gelingen der Infiltrations-Missionen des Teams beitrug. Landau gefiel die Doppelbödigkeit der Serie, das Rollenspiel seines Agenten, der ständig Gefahr lief, entlarvt zu werden.

Nach drei Jahren stieg Landau aus. Der Fernseherfolg wurde dem Filmschauspieler dennoch zum Verhängnis: William Friedkin etwa wollte ihn nicht in The Exorcist besetzen, weil er die Aura des Superspions mitgebracht hätte. Reumütig nahmen Landau und Barbara Bain, seine Ehefrau und Mission: Impossible-Teamgefährtin, schliesslich ein anderes Serien-Engagement an: Space: 1999 liess die beiden von 1975-77 in der Mondbasis Alpha sitzen und auf Abenteuer warten.

Damit war das Typecasting ebenso zementiert wie der Weltruhm; die nächsten zehn Jahre kriegte Landau nur Dutzende von «hirnlosen Rollen in sinnlosen Filmen»; platte Kunstfiguren, «die eines Morgens aufwachen und sagen: Ich bin ein Bösewicht!» Trost für die anspruchslose und frustrierende Arbeit fand Landau immerhin nebenher als Schauspiellehrer. Zu seinen prominentesten Schülern zählen Harry Dean Stanton, Warren Oates und Jack Nicholson, der denn auch öffentlich verkündete, Landau sei der beste Schauspiellehrer der Welt; ohne ihn hätte er, Nicholson, nie eine Karriere gehabt. (Der Lehrer selbst nimmt das nicht ganz so ernst.)

Als Landau endgültig die Nase voll hatte und selbst wieder in der ersten Schauspieler-Liga mitmischen wollte, wandte er sich unter anderem an den Casting-Spezialisten Fred Roos, der Landaus Schüler regelmässig besetzt hatte. Roos schickte ihm 1987 das Drehbuch zu Francis Ford Coppolas Tucker. Landau ergatterte die Rolle von Tuckers weise-ironischem Buchhalter Abe Karatz und stahl Hauptdarsteller Jeff Bridges prompt die Schau. Sein verblüffendes Comeback wurde mit einer Oscar-Nomination und einem Golden Globe belohnt. Von da an ging’s aufwärts: Woody Allen bot Landau die Rolle des feigen, betrügerischen, ehebrecherischen und mörderischen Augenarztes in Crimes and Misdemeanors an. Landau, vom Teufel geritten, sagte nach Lektüre des Drehbuchs dem «grossen Autorenfilmer» ins Gesicht, er habe die Figur falsch verstanden; wenn der Film funktionieren solle, müsse die Figur nicht als harter Bösewicht à la Edward G. Robinson gespielt werden, sondern dem Publikum eine Identifikation ermöglichen. Der Profi-Komiker und Amateur-Bergman Woody liess sich überzeugen und gab Landau die Rolle, die ihm eine zweite Oscar-Nomination einbrachte.

Seinen bisher grössten Triumph feierte Landau freilich in der Rolle eines anderen Schauspielers: als trunk- und morphiumsüchtiger greiser Bela Lugosi in Tim Burtons schräger Hommage Ed Wood. Durch die Latex-Schichten von Rick Bakers Maskenbildnerei hindurch vermittelte Landau sowohl die tragische Verwahrlosung des alten Grusel-Stars als auch seine ungebrochene Würde. Die Quittung: ein erster Oscar und ein zweiter Golden Globe.

Heute, sagt Landau, könne er beim Lesen eines Drehbuchs erkennen, ob eine Rolle für ihn Oscar-Material sei. Aber darum geht es ihm nicht immer; Spass muss auch sein. Darum hat er soeben unter der Regie von Robert Townsend an der Seite von Halle Berry die Komödie B*A*P*S abgedreht, die sich über die verwöhnten «Black American Princesses» lustig macht.

An Steve Barrons Neuverfilmung von Pinocchio … interessierte Landau die Figur des Puppenschnitzers Geppetto nur, wenn sie ihre eigene Entwicklungsgeschichte erleben konnte. So bestand er darauf, Geppettos Beziehung zu seiner heimlichen Jugendliebe Leona auszubauen. Geppetto sollte «die männliche Angst vor Frauen, vor Intimität, vor Gefühlen und vor Verpflichtung» verkörpern, die seinerzeit verhinderte, dass er Leona seine Liebe erklärte und statt dessen nur ihre Initialen in den Stamm schnitzte, aus dem er später Pinocchio formte. Damit wollte Landau den Film auch für jene Erwachsenen interessant machen, die ihre Kinder in den Märchenfilm begleiten. «Das späte Glück Geppettos soll zeigen, dass es nie zu spät ist, sein Leben zu ändern und seine Träume zu erfüllen» – eine Wahrheit, die Martin Landau am eigenen Leibe erfahren hat.

 

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