Ulrich Gregor über Iluminacja (1973)

Der deutsche Filmhistoriker Ulrich Gregor war 1973 Teil der Jury am Festival del Film Locarno, die Krzysztof Zanussis Film Iluminacja mit dem Pardo d’oro ausgezeichnet hat. Im Rahmen der Programmreihe «70 Jahre Filmfestival Locarno» zeigt das Filmpodium Zürich Zanussis Gewinnerfilm, am Dienstag, 2. Mai in Anwesenheit des Regisseurs.

Hier dürfen wir Ulrich Gregors Text über seinen Aufenthalt in Locarno und seine Eindrücke von Zanussis Film publizieren.

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Still aus Iluminacja

Illumination (Iluminacja), ein Film von Krzysztof Zanussi, 1973

1973 besuchte ich zum ersten Mal das Festival von Locarno. Ich war damals, nach dem Start des Internationalen Forums der Berlinale in 1971, eigentlich gegen Preise auf Festivals eingestellt. Aber Moritz de Hadeln lockte mich in die Jury nach Locarno mit dem Argument, unser Freund Istvan Szabo wäre gleichfalls in der Jury. So kam es dann auch. Tatsächlich verlebten wir in Locarno im Schlosshotel, wo die Jury untergebracht war, eine wunderbare Zeit, sahen interessante Filme und diskutierten diese an den Steintischen des Hotels. (Dem Schlosshotel sind wir bis heute treu geblieben.) In der Jury war ich zusammen mit Istvan Szabo, Thorold Dickinson, Daniel Schmid und Nabil Maleh. Den Goldenen Leopard vergaben wir einstimmig an Krzysztof Zanussis Iluminacja (“Illumination”).

Zanussi hatten wir schon früher kennengelernt als einen lebendigen Vertreter der polnischen Kinematographie und, was mir besonders wichtig erschien, als einen Filmemacher, der nicht verankert war im sozialistischen Realismus, sondern sich freiheitlich zwischen den Horizonten des europäischen Kinos bewegte; als einen Filmemacher, der nach neuen Wegen des filmischen Erzählens und der filmischen Struktur suchte. Und Iluminacja schlug ein wie ein Blitz: dies war ein Film, der damals völlig neue Perspektiven im Kino der sozialistischen Länder eröffnete.

Iluminacja ist ein Film neuartiger Formen und kühner Fragestellungen. Er beschreibt Stationen auf dem Lebensweg eines Studenten der Physik auf der Suche nach der absoluten Wahrheit und dem Sinn des Lebens.

Der Film postuliert das Prinzip des Zweifels, erst die Erkenntnis seiner existentiellen Begrenzungen vermag in der Sicht Zanussis zu einer Neudefinition des Menschen zu führen.

Der Film gleicht mehr einem Essay als einem erzählenden Spielfilm. Gedanken und Assoziationen entfalten sich im Kontrapunkt von Bild, Ton, Dialog und Musik, in manchmal atemberaubenden Montagen. Auf seine Weise hat Zanussi in Iluminacja die Maximen von Eisensteins “Intellektueller Kinematographie” verwirklicht.

Diese herausragenden Eigenschafen bestimmten unsere Jury, den Film mit dem Hauptpreis des Festivals von 1973 auszuzeichnen.

Ulrich Gregor

Zanussi
Krzysztof Zanussi

 

 

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