Wer macht den Schweizer Film wieder gross und wie?

In der jüngsten Ausgabe des Filmmagazins «Frame» haben Christian Jungen und Denise Bucher eine Kampagne unter dem Titel «Macht den Schweizer Film wieder gross!» lanciert. Die selbstironische Anspielung auf Trump tröstet leider nicht darüber hinweg, dass trotz mancher korrekter Diagnosen einiges in ihrem Artikel ähnlich polemisch, populistisch und unausgegoren anmutet wie die Twitter-Ergüsse des Donald. Es ist Jungen und Bucher anzurechnen, dass sie aus ernster Besorgnis um den Status quo des Schweizer Films eine Diskussion angestoßen haben; diese muss nun aber in der Breite und von allen Playern weitergeführt werden – gerne auch auf diesem Podium.

Am 10. Juli veranstaltete die «NZZ am Sonntag», offenbar aus Anlass der via Facebook eingegangenen Publikumsreaktionen auf den «Frame»-Artikel zum Schweizer Film, an der ZHdK eine Debatte zum Thema des «Manifests für das Kino von morgen», das Jungen und Bucher ebenfalls formuliert hatten. Diese kurzfristig angesetzte Veranstaltung wurde fast ausschließlich von ZHdK-Studierenden und ein paar wenigen BranchenvertreterInnen (z. B. Förderungsstiefkind Samuel Schwarz von 400asa und Nicole Schroeder von FOCAL und SWAN (Swiss Women’s Audiovisual Network – eine Facebook-Gruppe), die an der ZHdK doziert) besucht; anwesend war auch Mirko Bischofberger vom Swiss Fiction Movement, der mit Unterstützung von SRG und ZHdK (nicht aber vom BAK) am SXSW eine Konferenz zu digitalen Medien besucht hatte und – in warp speed – davon berichtete. Keine der im Artikel angegriffenen Mitglieder der Filmförderung oder der Ausbildung waren zugegen; sie waren allerdings auch nicht angefragt worden. Martin Zimper, Leiter der Fachrichtung Cast/Audiovisual Media der ZHdK, der im «Frame» mit seiner öffentlichen Kritik an der Wahl von Sabine Boss als Leiterin der Abteilung Film zitiert worden war, amtete als Gastgeber.

Als Beitrag zur anstehenden Diskussion veröffentliche ich hier meine vorläufige Einschätzung zum «Frame»-Artikel, dem Manifest und der besagten ZHdK-Debatte, aufgrund meiner eigenen Erfahrungen mit der Schweizer Filmszene in den letzten Jahrzehnten.

SchweizerFilm (Coverillustration von Emiliano Ponzi).

Konkordanz vs. Drama

Das Aufwand-Ertrags-Verhältnis beim Schweizer Film – vergleicht man den Einsatz von Fördermitteln mit dem inländischen Kinomarktanteil und dem internationalen Erfolg – ist lausig, das ist nicht zu bestreiten und ruft nach Änderungen. Auch das Kommissionsprinzip beim BAK, das Hauptangriffsziel von Jungen und Bucher, ist tatsächlich unbefriedigend: Wechselnd besetzte Gremien müssen über dieselben Drehbücher entscheiden, was es faktisch unmöglich macht, kühne und innovative Projekte durchzubringen, da zu vielen Geschmäckern entsprochen werden muss. Solche bahnbrechenden Projekte sind hierzulande allerdings eh selten (da und anderswo hinkt der Vergleich von Jungen und Bucher mit Dänemark, Schweden & Co.), da die traditionelle Konsens-, Kompromiss- und Konkordanzkultur der Schweiz grundsätzlich jener dramatischen Zuspitzung spinnefeind ist, die Filme (und Romane etc.) erst spannend macht. Außerdem sind die Mitglieder der Kommissionen eh mehrheitlich nicht jung und auf Draht, sodass sie sich im Zweifelsfall lieber an Bewährtes halten, als Steuergelder auf ein unbeschriebenes Blatt zu setzen.

Die im ersten Punkt des Manifests vertretene Auffassung, dass «Film neu definiert werden muss», damit auch neue audiovisuelle Formen wie Games, VR-Projekte, Serien und Filme ohne geplante Kinoauswertung gefördert werden können, ist verständlich. In einigen Vorstößen wie der Kantonalen Volksinitiative Film- und Medienförderungsgesetz in Zürich oder in Diskussionen bei der Zürcher Filmstiftung ist dergleichen bereits ein Thema; das von der Deutschschweiz weitgehend unbeachtete Festival Tous écrans in Genf hat diese Kategorien längst aufgeweicht. Im BAK scheint man da größere Widerstände zu haben.

Zusätzlich erschwert wird die Kommissionsarbeit dadurch, dass unsere vielsprachige Nation in den BAK-Gremien föderalistisch vertreten sein muss. Aus allen Landesteilen stammen auch die Projekte selber, deren qualitative Beurteilung nicht leichter wird, wenn sie in einer Fremdsprache vorgenommen werden muss. Christian Jungen, der selbst einst Mitglied im Ausschuss Spielfilm (Kino) beim BAK war, bemängelt zu Recht, dass dort etwa Romands Deutschschweizer Dialektkomödien beurteilen sollen. Die aufwendig hergestellten Übersetzungen von Drehbüchern aus anderen Landesteilen werden dem Original wohl auch eher selten gerecht.

Wider den Kantönligeist: Ein Institut für alle?

Ob ein «Nationales Filminstitut», eine Ausbildungsstätte, wie sie in Dänemark existiert und im Manifest für die Schweiz gefordert wird, eine Hilfe wäre, ist zweifelhaft. Dass die Schweiz eine Willensnation ist (neudeutsch eher: ein Profitcenter), deren vier Kulturen zwar friedlich nebeneinander leben, sich aber kaum für einander interessieren, ist ein Fakt unseres Alltagslebens, den der Film und/oder ein Filminstitut nicht überwinden können. Die Romands orientieren sich kulturell am großen Nachbarn Frankreich, mit dessen florierender Filmindustrie man entweder Koproduktionen eingeht oder wo man sich an größeren Projekten versuchen kann, ähnlich wie jene Deutschschweizer CineastInnen, die nicht bloß alle fünf Jahre hierzulande einen Film drehen, sondern dazwischen vor allem im Großen Kanton tätig sind.

Kommt hinzu, dass die Bildung in der Schweiz Sache der Kantone ist und ein solcher Systemwechsel von ZHdK, HSLU, ECAL und HEAD zu einer nationalen Filmschule für alle ein rechter Hosenlupf wäre; gleichzeitig würde dadurch die von Zimper, Jungen und Bucher ebenfalls geforderte laterale Befruchtung durch andere Künste, die an den aktuellen, vielspartigen Kunsthochschulen möglich ist, durch die Ausgliederung und Konzentration der Filmausbildung an einem Ort erschwert. International ausstrahlende Größen an die Spitze des «Nationalen Filminstituts» zu wählen, wie Jungen und Bucher das wollen, wäre kaum sinnvoll, da die Leitung eines Instituts zu großen Teilen aus Administration und Studierendenbetreuung besteht; stattdessen sollten ausländische Leuchten der Filmwelt zu Seminarien, für das Mentoring von Projekten und für kreative Inputs eingeladen werden, was freilich schon heute und an den bestehenden Schulen möglich ist.

Apropos internationale Ausstrahlung: Jungen und Bucher beklagen im Artikel den «Vatermord an den 68ern». Der Umstand, dass «Größen» wie Murer, Imhoof und Lyssy seit Jahren keinen Film mehr realisiert haben, ist aber nicht nur dem Kommissionssystem geschuldet, das «nicht mehr nur die Besten förderte, sondern alle». Erstens arbeiteten die Autorenfilmer jener Generation immer schon sehr langsam, und viele von ihnen wollten zwischen ihren Herzblutprojekten nicht etwa fremde Drehbücher fürs Fernsehen realisieren; zweitens vermochten auch nicht alle Projekte der «Besten» zu überzeugen, sodass das Fördergeld in der Zwischenzeit faktisch statt diesen nicht kontinuierlich brillierenden Doyens dem aufstrebenden Nachwuchs zugutekam. Der Artikel kritisiert die aktuell «bestgeförderten» Filmschaffenden wie Sabine Boss, Markus Imboden und Urs Egger, die nun mal einfach mehr arbeiten und ihr Handwerk auch beim Fernsehen entwickeln, beklagen aber, wenn FilmemacherInnen keine «Kontinuität» in ihrem Schaffen haben können. «Besonders schwierig haben es Cineasten, die nur Regie führen, aber das Drehbuch nicht selber schreiben wollen», behauptet der Artikel – genau zu dieser Kategorie gehören aber Boss, Imboden und Egger. «A-Festivals funktionieren als Wettbewerbe der Autoren und leben von Namen wie Woody Allen und Ken Loach, die fast jedes Jahr ein neues Werk vorstellen», steht im «Frame», aber gerade Christian Jungen hatte sich anlässlich der Goldenen Palme für Loachs I, Daniel Blake aufgeregt, weil da Mittelmaß der ewig gleichen Regisseure ausgezeichnet werde. Jungen gehört zudem einer Kritikergeneration an, die mehr gutes Erzählkino à la Hollywood wünschte, anstelle der Nabelschaufilme des 68er Autorenkinos. Widerspruch tut gut, aber zu viele Widersprüche schwächen die Argumentation.

Michel Bodmer an der Podiumsveranstaltung (Bild: Martin Zimper/Facebook)
Michel Bodmer an der Podiumsveranstaltung (Bild: Martin Zimper/Facebook)

Mehr Drehbücher – oder stärkere Geschichten?

«Mehr Drehbücher» verlangt weiter das Manifest. Tatsächlich spuckt das Schweizer Fördersystem zu viele Filme aus, die nicht produktionsreif sind. Man würde sich wünschen, dass eine ähnliche Ratio herrschte wie in Hollywood: 10 Ideen ergeben 1 Drehbuch, 10 Drehbücher ergeben ein Projekt, von 10 Filmen wird einer mehr oder weniger erfolgreich. Allerdings liegt auch hier ein Hund begraben: Wir Schweizer sind aus den erwähnten Gründen (Konsenskultur etc.) keine geborenen Erzähler phantasievoller und bewegender Fiktionen, sondern eher nüchterne Beobachter der Wirklichkeit; die stärksten Schweizer Filme der letzten Jahrzehnte entstanden im Dokumentarbereich. Mehr Drehbücher heißt also nicht unbedingt stärkere Geschichten, sondern zunächst einmal mehr Arbeit für die ProduzentInnen und die Förderung. Die finanzielle Planung gerade staatlicher Instanzen erlaubt es auch nicht, Gelder für ein Projekt beliebig lange zurückzustellen; diese partielle Planwirtschaft ist mitverantwortlich dafür, dass manche Drehbücher verfilmt werden, bevor sie ganz ausgereift sind.

Viertens fordert das Manifest: «Ein Intendant muss her». Die ungeliebten Kommissionen durch IntendantInnen zu ersetzen (für die verschiedenen «Screen Arts», wie sie Mirko Bischofberger nennt, müssten unterschiedliche Personen zuständig sein, was auch wieder zu Kategorisierungsproblemen führen dürfte), ist verlockend. Diese Individuen hätten dann einen eigenen Geschmack, der den einen Projekten förderlich wäre, den andern allerdings nicht, womöglich auf Jahre hinaus. Wer also nicht in den Genuss der Intendantengunst kommt, kann beruflich umsatteln. Selbst wenn dieser Systemwechsel in Bern die Qualität des Schweizer Filmschaffens steigern könnte (allerdings konnte das BAK bisher faktisch nie ein namhaftes Projekt allein ermöglichen; SRG/Pacte und/oder eine regionale Filmförderung mussten immer ebenfalls einsteigen) und wenn die Filmszene diese neue Linie akzeptierte – es gäbe auch da viele Verlierer. An der ZHdK-Debatte wurde zudem darauf hingewiesen, dass das BAK beim Kurzfilm ein Intendantenprinzip ausprobiert hat und wieder davon abgekommen ist.

Wie dem auch sei: IntendantInnen würden wohl eine klarere Linie in die Förderung bringen und allein schon damit das im Manifest beklagte «Gießkannenprinzip» teilweise korrigieren; anderseits ist die Forderung von Jungen und Bucher, dass «wie in Skandinavien weniger Filme unterstützt werden, dafür mit größeren Beträgen», dem Lokomotivenprinzip Nicolas Bideaus verwandt, dem ja kein nachhaltiger Erfolg beschieden war: Auch teure Lokomotiven können auf dem Markt gegen die Wand fahren (vgl. Das Missen Massaker). Kommt hinzu, dass die Vervielfältigung der zu fördernden audiovisuellen Formate ihrerseits zu einer Gießkanne führt, da wohl jede dieser Screen Arts berücksichtigt werden will, bei voraussichtlich gleichbleibenden Mitteln. Ob allerdings in jeder audiovisuellen Gattung große Talente auftreten und sich nicht einfach das schweizerische Mittelmaß fortan in neuen, digitalen Schläuchen manifestiert, darf man sich freilich fragen. Auch eine «geschlechterspezifische Förderung» nach schwedischem Muster ist nicht unbedingt eine Qualitätsgarantie, selbst wenn die tatsächlich herrschende Ungleichbehandlung der Gesuche von Frauen stoßend ist und dringend korrigiert werden muss.

Das Paradebeispiel für Innovation laut Jungen und Bucher, Tobias Webers «Film-Game-Zwitter» Late Shift, gab international zu reden, da er formal-strukturell eine Pionierarbeit darstellt. Nur ist es keineswegs zwingend, dass sich viele Stoffe für diese Form von Interaktivität eignen. In einem Land, das kaum dringliche und folgerichtig erzählte Geschichten hervorzubringen vermag, ist es eigentlich fast logisch, dass der Filmschaffende das Schicksal seines Protagonisten dem Publikum bzw. dem User überlässt. Die Jekami-Dramaturgie ist ein Gimmick, der Gamer-Naturen reizen mag, bedeutet aber auch eine gewisse künstlerische Bankrotterklärung des Filmschöpfers.

Soll der Schweizer Film internationaler werden – oder besser?

«Mehr Erstlinge» will das Manifest. Nun produzieren ja die Filmschulen ungeahnte Massen an Filmschaffenden, die nach dem Bachelor- oder Masterfilm (die unter privilegierten Bedingungen entstehen und oft beeindruckend sind) einen «richtigen» Erstling realisieren wollen. Tatsächlich wäre es für solche Nachwuchstalente gut, wenn ihnen «ohne grosse Auflagen mit Beiträgen von 300 000 Franken erste Spielfilme ermöglicht» würden. Allerdings müssten dafür mit den Technikerverbänden Sonderkonditionen ausgehandelt werden, da Profis ungern gratis arbeiten.

Tatsache ist, dass sich die Produktionsmittel dank der Digitalisierung enorm verbilligt haben; nicht nur Lionel Baier hat – 2010 mit Low Cost (Claude Jutra) – gezeigt, dass man sogar mit dem Handy valable Filme drehen kann. Umso mehr kommt es heute im Grunde auf Ideen, Geschichten und Begabung an, nicht so sehr auf production values oder die Förderung aus Bern; Baier rät seinen Studierenden an der ECAL, ihr Filmprojekt den Mitteln anzupassen, die ihnen zur Verfügung stehen, und sich nicht von einer BAK-Absage entmutigen zu lassen. So sind schließlich auch markante Werke wie Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern, Der Goalie bin iig und Aloys ohne BAK-Förderung zustandegekommen.

Swiss Films abzuschaffen lautet die siebente Forderung des Manifests, die kaum auf Verständnis stoßen wird. Ob die Promotionsagentur ihre Arbeit gut macht oder nicht, ist wohl Ansichtssache, aber während große Produktionen ein Stück weit selber für sich Werbung machen können, sind gerade kleinere und Arthouse-Filme auf Vermittlungs- und Medienarbeit von Swiss Films angewiesen. Dass Werke wie der diesjährige Cannes-Sieger The Square des schwedischen Regisseurs Ruben Östlund zu Welterfolgen werden, hängt zwar mit ihren künstlerischen Qualitäten zusammen, aber auch mit Lobbyarbeit, Promotion und Glück. Das International Department, die Promotionsabteilung des Schwedischen Filminstituts, hat sich zum Ziel gesetzt, «wenigstens einen schwedischen Film pro Jahr in die Selektion der wichtigsten Festivals zu bringen»; es kann sicher einen Teil von Östlunds Lorbeeren für sich beanspruchen.

Der «Frame»-Artikel vertritt die Ansicht, der Schweizer Film müsse «internationaler ausgerichtet» werden, was zunächst gut klingt, aber heikel ist. Um weltweit an Festivals und im Kino zu reüssieren, müssen Werke aus kleinen Filmländern erfahrungsgemäß eine künstlerische Handschrift aufweisen und Themen behandeln, die ungeachtet ihrer spezifischen geographisch-politischen Verortung universal sind und daher auch in andern Ländern Anklang finden. Genau das gilt für The Square und andere skandinavische Arthouse-Hits, wie früher für die Highlights des «Nouveau cinéma suisse» der 60er-Jahre. Inszenatorisches Handwerk und persönlicher Blick sind hierzulande in der Regel auch heute nicht das Problem, wohl aber die Wahl relevanter universaler Stoffe und deren konsequente Umsetzung. Beim Entwickeln von Filmprojekten aufs Ausland zu schielen verspricht eher Peinlichkeit als Erfolg.

Der Nachwuchs soll brillieren – oder wegbleiben

Jungen und Bucher fordern zwar eine Neudefinition des Films, verbeißen sich aber in die Diskussion der bestehenden Kinofilmförderung. Im achten Punkt ihres Manifests eine «höhere Messlatte für Succès cinéma» zu fordern und statt ab 10 000 Eintritten Filme erst ab 500 000 Eintritten zu belohnen, ist weltfremd: Wie sie selber sagen, ist das Kino längst nicht mehr das Maß aller filmischen Dinge; die Digital Natives konsumieren vorzugsweise per Stream, und ein Schweizer Film, der im hiesigen Kino 500 000 Eintritte erreicht, ist nicht nur ein seltener Vogel – in den letzten zehn Jahren hat das gerade mal Heidi geschafft –, sondern offensichtlich ein Publikumsfilm und monetär schon genug belohnt. (Die im Artikel zitierte Meinung von Jean-Stéphane Bron, der Deutschschweizer Markt sei so groß, dass die dortigen Filmer zu lokal dächten, weil sie sich keine Gedanken über eine Auswertung im Ausland zu machen bräuchten, ist allerdings absurd; im Deutschschweizer Kino lässt sich kein Film refinanzieren.) Vor kurzem wurde am FOCAL-Seminar zum Thema «Bewegtbildnutzung oder große Leinwand?» über die Einführung einer «Succès VoD»-Abgabe gesprochen; diese wäre durchaus sinnvoll und zeitgemäß, und für die neuen Screen Arts müsste man entsprechende Systeme finden.

Einen «Generationenwechsel» in den Fördergremien fordert neuntens das Manifest. Dagegen ist an sich wenig zu sagen, erst recht angesichts des rapiden Wandels der Medienlandschaft, der ältere Semester (und Strukturen) sichtlich überfordert. Allerdings müssten die eierlegenden, vielsprachigen Wollmilchsäue, die dereinst als IntendantInnen fungieren sollen, neben jugendlicher Energie und Offenheit für Neues auch ein Maß an Erfahrung aufweisen, das ihnen gestattet, die Spreu vom Weizen zu trennen, um gezielt die Qualität zu fördern. Tatsächlich muten einige Vorstellungen, die an der ZHdK-Debatte vertreten wurden, nicht nur utopisch an, sondern geradezu eugenisch: Nur die Besten sollen überhaupt an die Filmschulen gelassen werden, hieß es da; die andern solle man vorher aussondern. Man glaubt anscheinend an den brillanten Erstling, in dem sich vorbehaltlos das Genie offenbart. Dass zum Beispiel jemand wie Maren Ade, die Regisseurin von Jungens Lieblingsfilm der letzten Jahre, Toni Erdmann, zuvor den achtbaren, aber weniger auffälligen Alle anderen und Der Wald vor lauter Bäumen gedreht hatte, ist ein weiterer Beleg dafür, dass manche Filmschaffende etwas Anlaufzeit brauchen, bevor sie ein Meisterwerk schaffen können. Zwischen den ihrer Ansicht nach unbeschränkt zu fördernden Meisterwerken und den Erstlingen echter Nachwuchstalente wollen Jungen und Bucher den breiten Wald helvetischen Mittelmaßes ausdünnen. Am besten wechseln sie zu diesem Zweck die Eidgenossen gegen DänInnen oder SchwedInnen aus; ansonsten sehe ich da schwarz. Gerne bemüht Jungen zu Vergleichszwecken den Fußball, wo ein Shaqiri auch bei Bayern München spielen kann, also sollte auch der Schweizer Film, der so breit gefördert wird, in der Champions League des Kinos spielen können. Gut, ich bin ein Fußballmuffel, aber «das Runde ins Eckige» zu kicken, ist über Landes- und Kulturgrenzen hinaus eher hinzukriegen als das Erzählen guter Geschichten. Und noch was: Die jungen Menschen von heute, die z. B. Filmschulen absolvieren, denken oft nicht mehr an einen Job fürs Leben. Ein großes Nachwuchstalent wie Fabio Friedli, der 2012 mit Bon voyage einen der besten und erfolgreichsten Schweizer Animationsfilme der letzten Jahrzehnte geschaffen hat, war seither – aus freien Stücken – mehrheitlich als Musiker tätig; nach vier Jahren Filmpause hat er heuer mit In a Nutshell endlich wieder einen Kurzfilm vorgelegt.

Ist Förderung selbstverständlich?

Zu guter Letzt verlangen die ManifestantInnen «Steuerrabatte für Private», die abseits der staatlichen und quasi-staatlichen (SRG) Förderung auch die Wirtschaft ermuntern sollen, ins Filmschaffen zu investieren. Auch keine schlechte Idee – zumindest bis der erste Film in einer bedeutenden Rolle mit der Nichte jenes Versicherungsheinis besetzt wird, der 100 000 Franken investiert hat. Abhängigkeit von der Wirtschaft mag anders sein als diejenige vom Staat, aber es bleibt eine Abhängigkeit.

An der ZHdK-Debatte zeigte sich, dass manche Film-Studierenden der Ansicht sind, der Staat oder sonst wer sei verpflichtet, ihnen die Realisierung ihrer audiovisuellen Träume zu finanzieren. Das ist eine gefährliche Selbsttäuschung, gerade beim Film in all seinen Formen, der auch im digitalen Zeitalter eine verhältnismäßig teure Kunstform bleibt. Wer diese Kunst nur zur Selbstverwirklichung betreibt, ohne an irgendein Publikum zu denken, kann nicht den Anspruch erheben, à fonds perdu fremdfinanziert zu werden. Andere Studierende klagten, sie würden massenweise Drehbücher schreiben, aber kaum eins würde verfilmt. Das kann ebenso an der Qualität liegen wie am maroden Fördersystem. Zur Ausbildung angehender CineastInnen, egal ob an mehreren Filmschulen oder an einem Nationalen Filminstitut, muss neben der Entwicklung von Talent und Handwerk auch die Förderung einer realistischen Selbsteinschätzung gehören sowie die Unterweisung in den Realitäten des Filmmarkts.

Christian Jungen und Denise Bucher haben sich aus dem Fenster gelehnt und die Diskussion lanciert; alle anderen, die sich in der oder für die Schweizer Filmszene engagieren, sind gebeten, die Debatte fortzusetzen und konstruktive Lösungen zur Verbesserung der Lage vorzuschlagen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

NB: Dies ist meine persönliche Einschätzung und entspricht nicht etwa der Haltung der städtischen Filmförderung. Dennoch wäre eine Diskussion auf diesem Blog des Filmpodiums zu begrüßen.

Michel Bodmer

Ein Gedanke zu „Wer macht den Schweizer Film wieder gross und wie?

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