Was ist Film? Was ist Kritik?

Das Programm des Filmpodiums wirkt überwiegend konservativ, da es zur Hauptsache auf die Filmgeschichte zurückblickt und daraus unvergängliche Klassiker und sehenswerte Entdeckungen auswählt und ins Programm setzt. Darüber hinaus zeigt es allerdings immer wieder auch Premieren von neuen, oft wegweisenden Filmen, die den Weg in den regulären Kinoverleih nicht gefunden haben. 

Kein Thema im Filmpodium-Programm sind allerdings jene Grenzbereiche zu benachbarten Medien, die von jungen, innovativen Filmschaffenden ausgelotet werden. Interaktive Filme und Games, Cross-, Trans- und Multimedia-Projekte haben es überhaupt schwer, das Kinopublikum zu erreichen, und während Fernsehserien inzwischen ein Niveau erreicht haben, dem sich das Feuilleton auch hierzulande nicht mehr verschließen kann, bleiben manche Marktschranken bestehen, was eine übergreifende Wahrnehmung und Kritik behindert. Nur wenige Festivals wie das Tous Écrans in Genf (nächste Ausgabe: 4.-12.11.16) widmen sich neuen digitalen Formen audiovisuellen Schaffens mit ebenso viel Ernsthaftigkeit wie dem Kino. Auf der Produktionsseite verschwimmen die Kategorien längst, nicht zuletzt, weil viele Serien und Kurzfilme nur fürs Web produziert werden und anderseits Web-Firmen wie Amazon und Netflix inzwischen neben Serien auch Filme produzieren, die sie sowohl online anbieten als auch ins Kino bringen.

Was ist Film, was ist Kritik in diesem sich fortwährend verändernden Umfeld?

Soll als Film alles gelten, was audiovisuelles Schaffen ist, egal unter welchen Umständen und in welchem Format es produziert wurde und für welchen Markt oder welches Medium es bestimmt ist? Muss die Kritik, wenn sie mehr sein will als die impressionistische Meinungsäußerung eines Users, die ganze Bandbreite dieses Filmschaffens abdecken bzw. präsent haben? Müssen Festivals sich ebenfalls dieser Horizonterweiterung anschließen, Filmpreise auch Werke berücksichtigen, die nicht ausschließlich oder primär fürs Kino produziert wurden?

Diese Rubrik des Filmpodium-Blogs lädt ein zu einer angeregten und inhaltlich wie zeitlich offenen Debatte über diese Fragen, die uns zwar alle, als Angehörige des Publikums, als Kritiker und Kuratorinnen und als Filmschaffende in allen Sparten, immer wieder beschäftigen, aber kaum je eingehend diskutiert werden. Wir sind gespannt auf Ihre Beiträge.

Michel Bodmer

Late Shift, Tobias Weber (Schweiz, Grossbritannien 2016)

Als Illustrationsbeispiel empfehlen wir den Trailer zu Tobias Webers Spielfilm Late Shift – angepriesen als die ultimative Verbindung zwischen Film und Game:

The ultimate combination between film and game.
1 story – countless storylines – 7 different endings.
180 decision points.
A total of more than 4 hours of film.

Zur Story: Matt, ein Londoner Mathematikstudent mit ausgeprägtem Optimierungszwang, wird widerwillig zum Mittäter beim Raub eines wertvollen chinesischen Artefakts. Um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, muss er die Hintergründe der Tat aufdecken und schwerwiegende Entscheidungen treffen, die seinem Naturell diametral zuwider laufen. Muss auch er skrupellos und gewalttätig werden oder leiten ihn die Zuschauer zu einem guten Ende? – Das entscheidet schlussendlich das Publikum!

Der Film wird in der multioptionalen Struktur des interaktiven Filmformats CtrlMovie erzählt. Das Publikum kann für Matt wegweisende Handlungsentscheidungen treffen, entweder im Kino oder auf dem eigenen Smartphone oder Computer.

4 Gedanken zu „Was ist Film? Was ist Kritik?

    1. Guten Tag Andreas,

      Können Sie genauer erläutern, was Sie mit “Imagefilmen” meinen im Bezug auf den Inhalt dieses Artikels?

  1. Ein Kumpel von mir arbeitet in der Filmproduktion und wirft ständig mit irgendwelchen Begriffen um sich, die ich nicht kenne. Neulich kam mir die Idee das einfach online nachzulesen. Das Internet ist echt ein gutes Hilfs- und Suchmittel.

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